SCHNIEPER ARCHITEKTEN
Foto: Marco Homberger, Luzern / Berlin

Sanierung Schulhaus Krauer in Kriens
2009 - 2011


Wie ein Hochseedampfer thront das Schulhaus Krauer über einem in den Hang gebauten Sockel am Dorfrand von Kriens, kurz bevor die Strasse die letzten Einfamilienhaushänge am Pilatus erschliesst. Das 1972 vom Krienser Architekten Ernst Müller entworfene Gebäude steht unverrückbar an der Strasse und weist eine eigenständige architektonische Sprache auf, die sich nicht an bestehenden Bauten im Dorfkern orientiert. Durch Stützen losgelöst vom Boden grenzt sich der Bau wörtlich wie sinnbildlich von der gebauten Umgebung ab. Der Sichtbetonbau wirkt je nach Ansicht abweisend und hart, und auch die Tatsache, dass der Bau auf Stützen steht, nimmt ihm nichts von seiner Schwere. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Krauerschulhaus die Krienser Bevölkerung und die Lehrerschaft, die darin wirkt und arbeitet, in zwei Lager spaltet. Die einen sehen darin ein Schmuckstück aus der Zeit des Brutalismus, für die anderen ist der Bau nichts anderes als ein karger Betonkörper. Die an der Eingangsseite fensterlosen Klassenzimmertrakte verstärkten diesen Eindruck zusätzlich, da man sich als Fussgänger meist von dieser Seite her dem Gebäude nähert. Spärlich eingesetzte Materialien, überwiegend Beton und Aluminium, prägten den Baukörper. Bei genauerem Hinschauen fielen einem jedoch etliche Details auf, welche die sorgfältige Planung des damaligen Architekten zeigen: Die Anordnung der Schulzimmer, die gut zu möblierenden Grundrisse, die beidseitige Belichtung mit natürlichem Licht mittels Oblichtbändern und die grösstmögliche Freispielung der Klassenzimmer, um gegenseitige Lärmstörungen zu verhindern. Die Aufständerung auf Stützen schafft einen grossen gedeckten Pausenbereich, welche den Kindern bei Regen und Schnee Schutz bietet und als Aufenthaltsraum dient.
 
Ein sanierungsbedürftiges Dach, undichte, tropfende Fenster sowie die schlechte Dämmung waren die Hauptgründe, welche die Gemeinde zur Sanierung bewegten. Die Gebäudehülle entsprach mit ihren drei Zentimetern Dämmung keinem modernen Standard mehr, und da Kriens das Label der Energiestadt trägt, hat die Gemeinde bei öffentlichen Bauten besondere Verantwortung wahrzunehmen. Die Sanierung erfolgte in zwei Etappen, wobei die notwendige Erneuerung der Fenster und Fassade Vorrang hatte und bereits im Sommer 2009 durchgeführt wurde. In einer späteren Phase, 2010 bis 2011, wurde während der Sommerferien auch der Innenraum renoviert.
 
Die sich stellende Frage war, wie man mit dieser vorhandenen Bausubstanz umgeht, ohne die ursprüngliche architektonische Sprache zu verfremden und dem Bau seine Geschichte zu nehmen. Ein Beispiel könnte die Schwimmhalle im Sockel sein. Sie hat bereits eine Sanierung hinter sich, wobei der ganze Körper mit Dämmung versehen und mit Aluminiumplatten verkleidet wurde. Nach vielen Analysen des Baukörpers und seiner Umgebung fiel der Entscheid aber gegen die anfangs von der Gemeinde vorgesehen Aluminiumverkleidung zugunsten einer aussen gedämmten, verputzten Fassade. Die Komplexität des Baus mit seinen vielen Einzelkuben, dem dreigeteilten Sockel, den Zimmertrakten und Vor- und Rücksprüngen wäre durch die kleinteilige Textur dieser Platten stark konkurrenziert worden.
 
Die einschneidendste Veränderung, die vorgenommen wurde, war neben der Fassadensanierung und Fenstererneuerung die Umgestaltung der Pausenhalle. Was bisher einen eher düsteren ersten Eindruck machte, der durch die schwer drückende Konstruktion verstärkt wurde, bietet nun einen kindgerechten, verspielten Empfang. Zweierlei Massnahmen sorgen dafür, die Kinder willkommen zu heissen. Als Kontrapunkt zur strengen Geometrie, die das Areal prägt, wurden runde Sitzbänke aus Beton in unterschiedliche Höhen und Durchmessern frei platziert, die dazu animieren, darauf zu turnen und zu spielen. An der Rückwand des Erschliessungskerns wurde eine Kletterwand angebracht, um so dem Bewegungsdrang der Kinder gerecht zu werden. Dort wo die schwere Betondecke noch aufs Gemüt drückte, wurden neue zylinderförmige Leuchten eingelassen, die ebenfalls mit unterschiedlichen Grössen spielen. Von Bedeutung wurde auch das Herausbrechen der beiden Seitenflügel aus Beton, was den gesamten Raum um je zwei Meter verbreiterte und somit mehr Licht und Platz schafft. Durch diesen Eingriff wurde auch die Tragkonstruktion mit den gestaltprägenden Stützpfeilern herausgeschält. Die Farbwahl für die Stützen, ein warmes Rot-Orange, vervollständigt diesen Gedanken. Für das Farbkonzept und die Wahl der Verputze zeichnete sich Jörg Niederberger verantwortlich. Der in Büren NW tätige Künstler und Farbkonzepter wurde von Beginn weg in die Planung miteinbezogen und hat einen wesentlichen Beitrag zur endgültigen Erscheinung des Hauses geleistet. Das Farbkonzept sieht fünf differenzierte Grautöne mit leichter Farbnuance vor, die in einem bestimmten Muster an die Fassadenflächen aufgetragen wurden. Die zwei weiteren Farben, die eingesetzt wurden, sind das Rot-Orange der Stützen und ein dunkles Anthrazit für die Verglasungen und den Sonnenschutz. Der Sockel mit Turnhalle und Verbindungstrakt ist einheitlich unifarben behandelt und setzt sich so von dem daraufliegenden Schulbau ab. Die Idee, die Struktur des rohen Betonbaus zu übernehmen und in die Putzstruktur zu übertragen, führte zum Entscheid für vier Putzvarianten. Die Palette reicht von einem einfachen Negativputz über einen Kellenwurf oder Flachputz. Auf diese Art wird die Geschichte des Baus nicht zerstört, sondern versucht, die Rohheit des Béton bruts gegen aussen weiterzutragen. Das Wechseln des Farbtons und der Putzstruktur über Eck passt zu dem Gefüge aus Körpern, das dem Spielen mit Bauklötzchen gleicht.
 
Die äussere Gestalt wird nicht nur von der Fläche, sondern vor allem auch durch die Öffnungen geprägt. Die Fensterbänder wurden in ihrer Grösse und Struktur mehrheitlich übernommen, und auch das Öffnungsverhalten, das auf der West- und Ostseite gegensätzlich ist, wurde beibehalten. Aus Kostengründen und aufgrund der erhöhten Lichtdurchlässigkeit verzichtete man jedoch auf das Oblichtband und zog die Flügel nach oben. Alle Fenster und Verglasungen sind aussen in einem Anthrazitfarbton gehalten und auch der Sonnenschutz mit Ausstellstoren aus Stoff zieht sich in diesem Ton durch. Sie halten sich so vornehm zurück und lassen dem Farbenspiel der Putzfassaden Raum.
 
Der schwierige Umgang mit einer Bausubstanz, die gerade von etwas lebt, das vernünftigerweise verschwinden muss, forderte heraus. Die geplanten Massnahmen sollten aber dafür sorgen, die Akzeptanz der Benutzer zu stärken und sie mit Freude das neu sanierte Schulhaus in Beschlag nehmen zu lassen!
 
Text: Cornelia Keller, Schnieper Architekten

Publikation:
2012 – Coviss Nr. 6 «Strukturgebende Putzsubstanz ersetzt Sichtbeton»