Haus «Chesa Panorama» in Brail bei Zernez für Succeed AG in Cham 2010 - 2013

Der Bauplatz des Zweifamilienhauses «Chesa Panorama» befindet sich auf 1657 m.ü.M. in Brail, einem verträumten Dorfteil der Gemeinde Zernez. Das grosszügige Grundstück im Gebiet um Ils Muots ist umgeben von wilder Gebirgslandschaft und besticht durch eindrucksvolle Sichtbezüge in die Engadiner Bergwelt.

Das Gebäude ist im nördlichen Teil des Grundstücks auf dem alten Bauplatz des ehemaligen «Haus Wieser» platziert, so dass der resultierende Freiraum als vorgelagerter Vorplatz mit Zufahrt, Stellplätzen und Einstellhallenrampe genutzt werden kann. Die entstehenden Funktionsflächen des Aussenraums sind zurückhaltend über die Materialisierung differenziert. Asphaltierte Fahr- und Gehwege, mit Kies belegte Stellflächen und bepflanzte Grünbereiche integrieren sich harmonisch in die bestehende Umgebung. Die Besonderheit des Grundstücks, eine kreuzende Wasserader, wird zum spürbaren Gestaltungselement des Platzes und ist über die Fassung in einem Brunnen mit Rinnenablauf für die Bewohner des Hauses nutzbar gemacht. Der Wasserverlauf über den Vorplatz führt sowohl Bewohner, als auch Besucher zum gedeckten Eingangsbereich mit separierten Zugängen, der sich im Naturstein verkleideten Sockelgeschoss befindet. Es bildet bereits historisch die Basis des Engadiner Hauses und schiebt sich in den natürlich gewachsenen Geländeverlauf des abfallenden Grundstücks. Darauf erheben sich zweigeschossig die zurückversetzten Wohn- und Schlafgeschosse, welche sich nicht nur über ihre Setzung, sondern auch materiell über die graue Kalkputzfassade vom rohen Granitstein des Sockelgeschosses absetzen. Den oberen Abschluss des Hauses bildet ein Satteldach, dessen matte Rheinzink-Metalldeckung sich an die Architektursprache der umgebenden Häuser anlehnt.

Die Materialisierung ist eine Hommage an die traditionelle, regional verankerte Architektur. Sie greift die raue Massivität des Granitsteins, die einfache Klarheit des Kalkputzes und die Natürlichkeit des Engadiner Lärchenholzes auf und verbindet die moderne Formensprache des Hauses über ihren visuellen Ausdruck zu einem selbstverständlichen Bestandteil der alpinen Umgebung.

Im Inneren sind zwei 5-Zimmerwohnungen untergebracht, die sich via Split Level auf insgesamt vier Hauptgeschosse erstrecken. Im Untersten befinden sich die Einstellhalle mit je 3 Stellplätzen, Velo-, Lager- und Waschräume, sowie je ein Weinkeller. Die separaten Zugänge und das getrennte Treppenhaus bieten ein hohes Mass an Privatsphäre und ermöglichen ein ungestörtes «Nebeneinanderwohnen» beider Parteien, welches über die Liftanlage auch barrierefrei gestaltet werden kann. Zu den Wohnungen gehören nebst Wohn-, Ess- und Schlafzimmern mit zugehörigen Sanitärbereichen eine integrierte, offene Küche, ein Medienzimmer und ein Wellness- und Spabereich mit grosszügiger Sauna. Eine besondere Qualität des Hauses sind die verschiedenen Blickbeziehungen in die archaische Berglandschaft, sowie die Möglichkeit der Interaktion durch Sitzplatz und Balkon. Eine eindrückliche Lichtführung über die trapezförmigen Oberlichter im Eingangsbereich, die langgezogenen Oberlichter in Medien- und Wellnessräumen und das beiden Wohnungen zugeordnete Oberlicht im Treppenraum ist charakteristischer Bestandteil des Hauses und bewirkt eine stimmungsvolle Atmosphäre. Zentraler Anziehungspunkt ist der traditionelle Stubenofen mit integrierter Sitzbank im überhöhten Wohn- und Gemeinschaftsraum. Beide Wohnungen bieten individuelle räumliche Qualitäten mit variierenden Raumhöhen, welche von schlichten weiss verputzen Decken und Wänden und naturbelassenen Holzböden gefasst werden.

Die vielschichtige innere Raumdisposition bleibt hinter der massiven Fassade des Porotherm-Einsteinmauerwerks verborgen und wird zusätzlich über die Setzung der unterschiedlich grossen Fensteröffnungen verschleiert. So wechseln sich raumhohe Einschnitte mit Kleinstöffnungen in den Nassräume ab und gliedern die Fassade zur typischen «Harmonie des Asymmetrischen». Die dicken Mauern, die neben gestalterischen Aspekten auch als Wärme- und Kältespeicher dienen, sind über die tiefen, schrägen Leibungen deutlich spürbar und bilden die architektonische Fassung der quadratischen Holzfenster mit massivem Lüftungsflügel. Das Projekt «Chesa Panorama» vereint traditionelle Elemente des «Bündner Heimatstils» mit Prämissen aktueller Baurichtlinien und Nutzungsansprüchen zu einer eigenen Identität in vertrauter Architektursprache.

Die Realisation des Projektes scheiterte an der Annahmder Zweitwohnungsinitiative, sowie an Einsprachen der Nachbarschaft.

Text: Juliane Reuther, Schnieper Architekten

01 - Situation
02 - Untergeschoss
03 - Erdgeschoss
04 - Obergeschoss
05 - Dachgeschoss
06 - Schnitt
07 - Nordostfassade
08 - Südostfassade
09 - Südwestfassade
10 - Nordwestfassade

Visualisierung: Markus Tschannen, Basel