ArchitekturCumulus

Architettura e Espresso

Bis zum diesjährigen Büroausflug hatte ich Mailand noch nie besucht. Für mich stand diese Stadt  stellvertretend für die Expo 2015, die Möbelmesse und den Mailänder Dom. Wir genossen die mailändische Architektur – «Case Milanesi» – feine Espressi und Nachtessen im «Ombra» und «Erba Brusca». Der erste Tag startete im historischen Stadtkern, der sich um den Mailänder Dom konzentriert.

Blick vom Dach des Mailänder Domes. Links: eine Fiale des Domes, Mitte: «Torre Velasca», Rechts: «Torre Martini»

Die italienische Moderne, die ihren Anfang nach dem ersten Weltkrieg fand, erlebt man, sobald man den Domplatz verlässt.

Bis zur 18. Etage befinden sich Büros, die darüberliegenden sieben Stockwerke sind auskragende Wohngeschosse

Der «Torre Velasca» charakterisiert die Italo-Moderne ausgezeichnet. Er hebt sich mit seiner Höhe von 106 Metern von der Umgebung ab und prägt somit das Stadtbild. Das Faszinierende ist seine untypische Form. Anstelle einer Verjüngung in die Höhe, geschieht bei diesem Gebäude das Gegenteil; die oberen Geschosse ragen pilzförmig an den Betonstreben aus. Dadurch erhält der Turm eine fragile Wirkung und gibt dem Betrachter das Gefühl, die auskragende Kante könnte abbrechen. Mit vier vertikalen Pfeilern wird die Querfassade dreigeteilt (sechs vertikale Pfeiler teilen die Längsfassade). Weiter wird die Fassade durch spangenförmige, fensterhohe Lisenen in der Vertikalen durchgängig gegliedert. Zwischen die Lisenen spannt sich eine unregelmässige, Tetris-artige Struktur, welche aus Fenstern, Balkonen und schmalen Betonelementen besteht. Die horizontalen, geschlossenen Brüstungsbänder stehen in einem Kontrast zu den vertikalen Fassadenelementen. Trotz des italienischen «Dolce Vita» schien mir die Fassadengestaltung bei den meisten modernen Gebäuden sehr strukturiert. Themen, wie beispielsweise die Gewände um die Fenster, werden wiederholend aufgegriffen.

Salonraum mit den doppelten Fenster der Villa Necchi Campiglio

Am Samstag besuchten wir die «Villa Necchi Campiglio ». Das Gebäude wurde 1935 für die süditalienische Unternehmerfamilie Necchi gebaut und lädt heute mit einer halbrunden Treppe und dem gleichförmigen Vordach ein. Die Villa ist sorgfältig und grosszügig mit verschiedenen Holzarten und Natursteinen eingekleidet. Das im modernen Stil erbaute Gebäude hat einen Raum, der mich sehr beeindruckte. Der Salonraum, welcher den Bewohnern möglichst viel Tageslicht bietet, sollte die Privatsphäre der Bewohner nicht vernachlässigen. Der Architekt plante doppelte Fenster mit 50 cm Luft dazwischen, welche eine terrariumartige Funktion haben. Dazwischen setzte er die Bepflanzung, die als Sichtschutz dient. Das Gefühl, durch Glas von der Aussenwelt getrennt zu sein, verschwindet. Die Führung lohnt sich!

800 Bäumen, 4’500 Sträucher und 15’000 weitere Pflanzen werden auf den beiden Hochhäusern bewirtschaftet.

Am dritten Tag besuchten wir die im 2014 fertig gestellten Zwillingstürme «Bosco Verticale», übersetzt der senkrechte Wald. Die zwei Wohntürme wurden vom italienischen Architektenbüro Boeri Studio geplant und realisiert. Das Konzept eines begrünten und nachhaltigen Wolkenkratzers mit mehreren Hunderten Pflanzen, schien trotz des grauen Himmels und des Regens eine Lebendigkeit auszustrahlen. Die von Glasfassaden geprägte Umgebung bilden einen extremen Gegensatz und lassen das Gebäude noch stärker wirken. Den Abschluss unserer Architekturreise bildete das Fondazione Prada. Hier begegnete uns wieder der Architekt Rem Koolhaas, dessen Ikonen wir schon von Rotterdam kannten. Den Empfang des Komplexes bildete das vergoldete Gebäude einer ehemaligen Destilliere. Der Komplex, der aus bestehenden und neuen Bauten zusammengesetzt ist, begeisterte mich vor allem durch seine Materialvielfalt und Widersprüchlichkeit. Ein Beispiel davon sind die OSB-Platten und der weisse Beton, die er Wand an Wand in den Ausstellungsräumen einsetzt, ein Gegensatz von teuren und günstigen Materialien, jedoch ein Kontrast, der Koolhaas gelingt.

Ein kleiner Ausschnitt der bedeutungsvollen Architektur haben wir gesehen. Mit dem Wissen über viele weitere Gebäude und der Erfahrung, dass man überall guten Espresso bekommt, wird das nicht der letzte Ausflug nach Mailand gewesen sein.

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