ArchitekturCumulus

Architekturstudium: 8. Semester

Im Juli habe ich mein Architekturstudium mit der Diplomarbeit an der Hochschule Luzern abgeschlossen. Mit wenigen Monaten Abstand blicke ich zurück auf das intensive Abschlusssemester und lasse es Revue passieren.

In den ersten Semestern verbrachte ich viel Zeit im Atelier an der Schule. Entwerfen, Zeichnen und Modellbauen waren herausfordernd. Wir haben uns mit verschiedenen Themenbereichen auseinandergesetzt – von Badeanlage im vierten Semester bis zum Wohnungsbau im fünften Semester – um eine breite Grundlage für das spätere Berufsleben zu erhalten. Als grosse Schlussaufgabe stand immer die Diplomarbeit im Raum, bei der wir alles zusammenbringen sollten.

Das letzte Semester setzte sich aus einem Kurzentwurf und der eigentlichen Bachelordiplomarbeit zusammen. Der Kurzentwurf dauerte sechs Wochen und sollte eine Auflockerungsübung sein, wobei mit möglichst wenig Vorgaben zuerst aus drei Begriffen ein Szenario entwickelt und dann ein Raum entworfen werden sollte. In meiner Zweiergruppe haben Clau Item und ich aus der Beschäftigung mit den Begriffen «Freiraum», «Eingang» und «Bad» eine Nasszelle im Grünen entstehen lassen. (siehe Projekt)

Während des Kurzentwurfs begannen wir uns langsam, aber sicher auf die intensive Zeit während der Bachelorarbeit vorzubereiten. Da aufgrund der Corona-Einschränkungen unser Atelier an der Schule geschlossen wurde, haben wir uns zu sechst zusammengeschlossen und uns auf die Suche nach einem eigenen Atelier für die Bachelorarbeit gemacht. Wir fanden in der Nähe des Franziskanerplatzes in Luzern ein leer stehendes Ladenlokal, welches wir über drei Monate mieten konnten, so richteten wir uns auf knapp 30 m2 mehr oder weniger häuslich ein.

Wir sechs glücklichen Architekturstudenten vor unserem Atelier Moretti: (von links nach rechts) Clau Item, Gabriela Niederberger, Josianne Gsponer, Ursina Brunner, Denis Demaj und ich

In den folgenden elf Wochen lebten wir fast ausschliesslich dort. Nur zum Schlafen sind wir nach Hause gegangen. Die Gruppendynamik, welche über die lange Zeit entstanden ist, hat es einfacher gemacht, am Ball zu bleiben und immer weiter zu arbeiten. Wir haben uns nach den Kritiken (zwei Entwurfsbesprechungen und eine Zwischenkritik) gegenseitig aufgebaut und die Inputs der Dozenten gemeinsam nachbesprochen. Die Diskussionen untereinander haben mir geholfen, dass ich meine Entwurfsschritte immer wieder selber hinterfragt habe. Für die Bachelorarbeit konnten wir zwischen zwei Entwurfsaufgaben wählen: Ein Schulprovisorium für die Hochschule in Horw oder ein Zentrumsbau im Dorf Schoried im Kanton Obwalden. Fünf Kolleg*innen im Atelier haben wie ich den Zentrumsbau ausgewählt. Die Befürchtung, dass sich unsere Projekte einander angleichen, war unberechtigt. Alle sind ehrgeizig, ihren eigenen Vorstellungen gefolgt. (siehe meine Diplomarbeit)

Nach vielen langen Tagen und Nächten haben wir Anfang Juli nach der Schlusskritik unser Atelier wieder geräumt. Wir sind alle froh, die Aufgabe gemeistert zu haben, aber auch wehmütig, dass diese schöne gemeinsame Zeit zu Ende geht. Auf einen Schlag war alles vorbei und die Blase, in der wir drei Monate gelebt haben, war auf einmal zerplatzt. Alles um uns herum hatten wir vergessen und die Zeit war reif für Erholung.

Zum Abschied vom Atelier kam auch der Abschied von der Hochschule Luzern. Ich ging immer gerne in die Schule. Das Studium hat mich zwar oft Nerven und Schlaf gekostet, aber die Menschen, die ich kennenlernen durfte und der Austausch mit den anderen Studierenden, welche die gleiche Motivation und das gleiche Interesse haben wie ich, werden mir fehlen.

Hinter mir liegen vier Jahre berufsbegleitendes Architekturstudium mit viel Arbeit, Erfahrungen und Eindrücken. Ich bin stolz auf mich, dass ich das Studium gemeistert habe und freue mich auf das, was im Arbeitsalltag kommt und schon ist!

Tipps:

Wien Architektur-Selfie :-)

Auch dieses Jahr haben wir während unserem Büroausflug nach Wien, siehe Blogpost vom 20. September 2021 «Wienereien», die Tradition des Architektur-Selfies mit grosser Freude weitergeführt.

Leopold Museum, Architekturbüro Ortner & Ortner, 2001 | Wiener Secession, Architekt Joseph Maria Olbrich, 1898
J. & L. Lobmeyr Stammhaus, Hersteller der legendären Serie B von Josef Hoffmann, 1895 | Haus am Michaelerplatz (Looshaus), Architekt Adolf Loos, 1911
Stephansdom, Eröffnung 1511 | Haus Wittgenstein, Architekten Ludwig Wittgenstein und Paul Engelmann, 1928
Hundertwasserhaus, Architekten Friedensreich Hundertwasser und Josef Krawina, 1986 | Gasometer, Architekt Jean Nouvel u.a., 2001
Zacherlhaus, Architekt Josef Plecnik, 1905 | Station Karlsplatz, Architekt Otto Wagner, 1899
Karl-Marx-Hof, Architekt Karl Ehn, 1930 | Wohnpark Alterlaa, Architekt Harry Glück, 1985
Belvedere 21, Architekt Karl Schwanzer und Adolf Krischanitz, 1958 | Wirtschaftsuniversität Wien WU, Architektin Zaha Hadid, 2016
J5A Wohnhochhaus, Architekturbüro Querkraft, 2019 | Siedlung Pilotengasse, Architekturbüro Herzog & de Meuron, 1992

Tipps:

Wienereien

Mit der Planung unserer Architekturreise habe ich im Herbst 2019 gestartet. Ein Jahr später als beabsichtigt fand unser Bürosausflug nach Wien Ende August 2021 endlich statt!

Unser viertägiges Programm startete am Donnerstagmittag im Restaurant Corbaci hinter den barocken Mauern des Museumsquartiers, wo sich einst die kaiserliche Hofstallung befand. Vor 20 Jahren wurde das Museumsquartier umgebaut und erweitert. In den grosszügigen Hof wurden zwei Museumsbauten gesetzt, das MUMOK (Museum für Moderne Kunst) und das Leopold Museum. Mit dem Versuch, die Volumen als Gliederung des Hofraumes zu nutzen, scheint der Aussenraum eher verstellt. Der Inhalt des Leopold Museums, vor allem die umfangreiche Egon Schiele Sammlung, bleibt uns als schönes Erlebnis in Erinnerung.

Architekturneugierige vor der Wiener Staatsoper am Sonntagnachmittag

Als zweites Museumsziel stand die Wiener Secession auf der Liste. Dort konnten wir das Beethovenfries als Raum- und Klangerlebnis erfahren. Der Fries ist zwei Meter hoch und beginnt an der Oberkante des fünf Meter hohen Raumes. Jeder Besucher erhält Kopfhörer, auf denen die neunte Symphonie von Ludwig van Beethoven zu hören ist, ihm ist der Fries gewidmet. Durch die Musik wird es möglich, die restlichen Leute im Raum auszublenden und in das Bild einzutauchen.

Am Abend nach unserem Nachtessen im Gasthaus Pöschl waren wir auf einem Schlummertrunk in der American Bar von Adolf Loos. Der kleine Raum war bereits vollgepackt mit Leuten, doch durch die Raumhöhe und die Spiegel an den Wänden wirkte es nicht bedrückend. Als ich die Möglichkeit hatte, im Loungebereich zu sitzen, konnte ich eine neue Sicht wahrnehmen. Von der Lounge aus wurde die optische Illusion der Spiegel noch wirksamer und vom Gefühl her schien sich der Raum in der Grösse verdoppelt zu haben. Neben der guten Architektur machten wir in der Loosbar auch gute Wiener Bekanntschaften, Eric Leuer, welcher mit seinem ehemaligen Praktikanten und deren Partnerin unterwegs war. Er lud uns und seine Feriengäste in seine Altbauwohnung im Bezirk 1 ein, um uns die klassische Musik bis in die frühen Morgenstunden näher zu bringen.

Am Freitagmorgen hatten wir eine wunderbare Führung in der Domkirche St. Stephan. Der Archivar Franz Zehetner, erklärte uns die wichtigsten Bauetappen und Einflüsse auf den Dombau. Eindrucksvoll war die Besichtigung des Grabs von Kaiser Friedrichs III. Ein Hochgrab, das eine begehbare Balustrade hat, welche wir begehen durften. Erst hier wurde die eindrucksvolle Steinmetzarbeit des Grabdeckels sichtbar – ein Erlebnis, das für den Dombesucher sonst nicht möglich ist und uns bleiben wird.

Am Nachmittag ging es weiter an die nächste Architekturführung mit Herrn Otto Kapfinger, ein Architekt und Autor. Herr Kapfinger ist ein WittgensteinhausKenner. In seinem Rundgang durch das Haus erklärte er uns die Entstehungsgeschichte, aber vor allem brachte er uns die Logik des Baus näher. Da uns das Haus Wittgenstein so eindrucksvoll geblieben ist, wollen wir dem Haus in näherer Zukunft einen eigenen Blogbeitrag widmen.

Leider hatten wir auch eine Enttäuschung auf dem Programm – die Gasometer. Die ehemaligen Gasbehälter wurden umgenutzt zu einem Einkaufscenter, Wohnungen, Studentenheim und Veranstaltungshalle. Von aussen haben die Gasbehälter ihr charmantes Aussehen überwiegend behalten und das Innenleben wurde neu ausgebaut. Jedoch brachten wir das Innere nicht mit dem äusseren Erscheinungsbild zusammen, die Transformation mochte uns nicht zu überzeugen.

Am Samstagvormittag besuchten wir zwei architektonische Megastrukturen. Der Karl-Marx-Hof ist bis zu siebengeschossig und gilt mit 1050 Meter als längster zusammenhängender Wohnbau der Welt. Seit 1930 ist der kommunale Bau bewohnt. Wir haben ungefähr die Hälfte dieser riesigen «Superblocks» von aussen bei einem Spaziergang begutachtet. Durch kleine Eingriffe an den Balkonen, wie Blumentöpfe, Brüstungserhöhungen und Vorhängen, individualisieren die Bewohner ihr Erscheinungsbild. Heute wirkt der Bau belebt, einladend und scheint gut zu funktionieren.

Anschliessend besuchten wir die Satellitenstadt Alt Erlaa aus den 70er-Jahren. In gewissen Themenbereichen das totale Gegenteil: Der Karl-Marx-Hof schlängelt sich als langer liegender Bau durch die Umgebung. Während der Wohnpark aus sechs Wohntürmen, die zwischen 75 und 85 Meter hoch sind, im Grünen steht. Die ersten 13 Stockwerke der Alt Erlaa Gebäude haben etagenversetzte Terrassen mit grossen Kunststofftrögen als Gartenersatz. Auch besitzt jeder Wohnbau mindestens einen Pool auf dem Dach.

Trotz des Unterschieds der horizontal betonten Bauweise des Karl-Marx-Hofs und Vertikalität des Wohnparks Alt Erlaa, haben beide  Wohnanlagen Gemeinsamkeiten: sie bieten ein Angebot für die Gemeinschaft an. Der Karl-Marx-Hof bot es in Form von Infrastrukturen wie Apotheken, Büchereien und Kindergarten an und die Alt Erlaa Überbauungen hat ein Kaufcenter, Schulen und Kindertagesstätten – jeweils das Angebot, welches dem damaligen Zeitgeist entsprach. Ich würde heute an beiden Orten wohnen wollen, denn beide Orte leben!

Vor unserem genüsslichen Nachtessen im Restaurant Mast, konnten wir in der Bar «Das Loft» den Blick über Wien geniessen. Die Beleuchtung der Bar ist auf zwei Anforderungen abgestimmt, eine angenehme Atmosphäre für die Gäste im Inneren als auch die gute Sichtbarkeit der Lichtdeckeninstallation von Pipilotti Rist, so dass diese zu jeder Tages- und Nachtzeit auch von der Strasse aus erkennbar.

Das J5A Wohnhochhaus vom Architekturbüro Querkraft in der Seestadt Aspern

Unseren letzten Tag starteten wir mit einem hervorragenden Frühstück im «Drechsler». Gestärkt besichtigten wir ein Vorzeigeobjekt, welches gemeinschaftsförderndes Wohnen anbietet und die Wirtschaftsuniversität von Zaha Hadid. Danach folgte die Seestadt Aspern, ein ehemaliges Flugfeld, das heute ein Stadtentwicklungsprojekt in der Entstehungsphase ist. Das zweithöchste Holzhochhaus der Welt, das HoHo, befindet sich dort. Obwohl das ökologische Konzept überzeugen mag, ist der Bau nicht als Holzhochhaus lesbar und architektonisch fragwürdig. Dafür erfreuten wir uns an danebenliegenden J5A Wohnhochhaus, dessen Balkonarme aus der Trapezblechfassade auskragen. Auf unserem Rückweg in die Wiener Innenstadt besichtigten wir die fast 30 Jahre alte Pilotengasse Siedlung von Herzog & de Meuron.

Der Abschluss unseres Wienbesuchs war das Albertina Museum. Zwei Fotoausstellungen konnten besichtigt werden, die erste zeigte Werke des österreichischen Bildjournalisten Franz Hubmann. Dieser konzentrierte sich auf Künstlerporträts und fotografierte bekannte Gesichter wie Alberto Giacometti. Die zweite Ausstellung nannte sich «American Photography» und präsentierte Fotografien amerikanischer Künstler, welche von 1930 bis 2000 aufgenommen wurden. Es war genau das Richtige, um unsere Reise abzuschliessen.

Ich war das erste Mal in Wien. Von dieser Reise bleibt mir die Vielfalt dieser Stadt: ob Josef Hoffmann, der von der Architektur bis zum Glasdesign entwarf, Hans Hollein, der Eingänge von Schmuckgeschäften in der Wiener Innenstadt gestalten durfte, oder Coop Himmelb(l)au, mit ihrem Dachaufbau an der Falkenstrasse, die Stadt hat ein weitgefächertes Spektrum an verschiedenen Epochen und Stilen. In unseren vier Tagen haben wir nur einen Ausschnitt davon gesehen, es wird sicher nicht mein letzter Besuch in Wien sein!

Tipps:

Berufsbegleitendes Architekturstudium Teil III

In meinem Post geht es um das aktuelle Angebot des berufsbegleitenden Architekturstudiums, welches ich als 23-jährige vor wenigen Wochen abgeschlossen habe. Vor vier Jahren begann ich das Bachelorstudium an der Hochschule Luzern (HSLU) für Technik und Architektur in Horw, wo auch mein Chef Patrick J. Schnieper von 1991 bis 1996 das Abendtechnikum besucht hat.

An der Diplomfeier am 17. Juli 2021 – ein unvergesslicher Moment!

Die Hochschule folgt dem Bologna-System, welches von allen Hochschulen und Universitäten schweizweit angewandt wird. Das bedeutet, dass die Studierenden für jedes abgeschlossene Fach «European Credit Transfer and Accumulation System-Punkte» (ECTS-Punkte) erhalten. Mindestens 180 ECTS-Punkte sind nötig für die Qualifikation des Bachelortitels.

Das Studium ist modular aufgebaut und ermöglicht das teilweise individuelle Zusammenstellen des Stundenplans. Als Orientierung wird von der Hochschule ein Modellstundenplan und Studienführer abgegeben. Es wird vorausgesetzt, dass die vorgegebenen Pflichtfächer besucht und bestanden werden. Ansonsten verliert die oder der Studierende die Zulassung für die Bachelordiplomarbeit. Alle weiteren Fächer sind freiwillig und müssen belegt werden, um genügend ECTS-Punkte zu sammeln.

Obwohl dieses Angebot aus einer Vielzahl von Fächern aussuchen zu können, verlockend klingt, war die Auswahl für mich als berufsbegleitende Studentin eingeschränkt. Ich habe 60% im Architekturbüro gearbeitet, wobei ein Mindestpensum von 40% von der Hochschule vorgeschrieben ist. Jeden Donnerstag und Freitag hatte ich von 8:30 bis 21:00 Uhr Schule sowie einen weiteren Abend pro Woche von 17.30 bis 21:00 Uhr. Dadurch, dass ich nur zwei ganze Tage in der Schule war, war es mir nur möglich die empfohlenen Fächer zu wählen. Ansonsten hätte ich das Studium nicht in vier Jahren abschliessen können, da ich die benötigte Anzahl ECTS-Punkte nicht erreicht hätte. Die teilweise freie Modulwahl für die Berufsbegleitenden ist ein Trugbild.

In den ersten zwei Jahren lag der Schwerpunkt bei den technischen Grundlagen: Tragwerkslehre, Konstruktionslehre und diverse Fächer, welche die Baunormen behandelten. Das Lernen war oft zäh, bis ich die Zusammenhänge vom gelernten Stoff zu begreifen begann. Erst in der zweiten Hälfte des Studiums verschob sich der Fokus auf die gestalterischen Fächer. Themen wie Licht, Farbe und Atmosphäre standen im Mittelpunkt und wir erhielten in den Fächern die Chance, uns durch Medien wie Video, Fotografie und Malen auszudrücken. Im Fach «Räumliche Visionen» durften wir in einer Gruppenarbeit die Skulptur des «Bruder Klaus», welche den Heiligen Niklaus im Wallfahrtsort Flüeli-Ranft im Kanton Obwalden zeigt, fotografisch dokumentieren. Der Heilige ist weit über die Landesgrenze hinaus bekannt und wird jährlich von Tausenden Touristen und Wallfahrern besucht. Unsere Gruppe machte es sich zur Aufgabe, die Momente festzuhalten, welche zeigen, was für Spuren die touristische Nutzung hinterlässt. Im Fokus stand der Raum um die Skulptur (siehe Arbeit). Diese Abweichungen vom Rationalen machten mir in diesen Fächern immer Spass.

Präsentation des zweiten Entwurfs an der HSLU im Frühlingssemester 2019.

In insgesamt acht Semestern sind vier von sechs Entwürfen Pflicht. Da mich der Entwurf stark interessiert, besuchte ich auch die Freiwilligen. Es war schön, wie ich von Semester zu Semester Fortschritte erkennen konnte und immer neue Aufgabenstellungen mich zwangen, anders zu denken. Durch die vielen Stunden, welche ich in den Entwurf investierte, wurde es zu einem sehr emotionalen Fach. Eine schlechte Kritik nahm ich mir immer sehr zu herzen, dafür war eine gute Kritik die beste Belohnung, die ich mir vorstellen konnte.

In 33 Fächern (siehe mein persönlicher Stundenplan) wurden 2’816 Lektionen zu je 45 Minuten unterrichtet, plus Wochenseminare (320 Lektionen), was Total mehr als 290 Tage verteilt über vier Jahre sind.

Die Wochenseminare habe ich zum Einem für Studienreisen ins Ausland genutzt. Ich war in Paris, Turin und Südindien. Zum anderen musste ich ausserfakultäre Fächer besuchen, damit ich die verlangten ECTS-Punkte zusammen bekam. So musste ich Fächer wie «Gewaltfreie Kommunikation» und «Recycling» belegen. Das waren mühsame Stunden, die zum Ziel haben, den Horizont ausserhalb der eigenen Disziplin zu erweitern … Ungefähr 200 Lektionen habe ich in solchen Fächern verbracht, anstelle das diese Unterrichtszeit ins Cinema 4D, ein Visualisierungsprogramm, investiert wurde.

Die Diplomarbeit findet am Schluss des achten Semesters statt und beansprucht die elf letzten Wochen des Studiums. In dieser Zeit habe ich Vollzeit an meinem Entwurf gearbeitet. Es war die intensivste und strengste Zeit im Studium. Zum ersten Mal im Studium ist der Austausch zwischen dem begleitenden Entwurfsdozenten und dem Studierenden weggefallen. Ich war ganz auf mich allein gestellt. Meine Diplomarbeit habe ich schliesslich mit der Note 5 bestanden, was mir die Bestätigung gab, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

In den vergangenen 17 Jahren war ich: 12 Jahre in der Schule, ein Jahr im Praktikum bei Schnieper Architekten, wo ich die letzten vier Jahre 60% arbeitete und 40% berufsbegleitend studierte. Mit dem Bachelor in Architektur starte ich jetzt in den Vollzeit-Berufsalltag. Ich bin ein wenig wehmütig, dass ich im September nicht mehr nach Horw an die Hochschule gehen werde, jedoch weiss ich, dass die Herausforderungen in der Arbeitswelt mir noch mehr Freude bereiten werden!

Tipps:

Berufsbegleitendes Architekturstudium Teil II

In diesem Post möchte ich auf mein berufsbegleitendes Studium eingehen, welches ich vor 30 Jahren in Angriff nahm. Als 23-jähriger begann ich mit dem Abendtechnikum (ATIS) in Horw bei Luzern. Das bedeutete jeweils 5x mal die Woche Schule – Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag – von 18:30 Uhr bis 22:00 Uhr plus am Samstagmorgen von 7:00 Uhr bis 12:00 Uhr. Also total 22 Lektionen Vorlesungen pro Woche plus eine 80% Anstellung in einem Architekturbüro – das war eine Bedingung für das Studium. An zwei Nachmittagen und am Wochenende hatte ich Zeit, um an meinen Entwürfen zu arbeiten und für Prüfungen zu lernen.

Atis: Lektionentafel und Lehrplan der Abteilung Architektur 1991 – digitalisiert im Juni 2021 Patrick J. Schnieper

Für mich waren die ersten drei Semester eher etwas mühsam mit den Grundlagenfächern Mathematik, Geometrie, Deutsch, Chemie und Physik. Ich war wissenshungrig im Bereich der Gestaltung, welche mit jedem Semester mehr Gewicht im Lehrplan bekam. Die sechs Fächer: Entwerfen (360 Lektionen), Architektur und Gestalten (160 Lektionen), Architekturgeschichte (80 Lektionen), Raumplanung (120 Lektionen), Landschaftsgestaltung (40 Lektionen) und Literatur (80 Lektionen) blieben mir in bester Erinnerung. Natürlich war es auch für mich gut, etwas von der Tragwerkslehre oder der Bauchemie und Bauphysik so wie von Baukosten oder Bauökonomie gehört zu haben. Auch blieben mir die lebhaften Diskussionen im Deutschunterricht bezüglich EWR-Abstimmung von 1992 in bester Erinnerung, wenn auch das Abstimmungsergebnis nicht nach meinem Geschmack war, was sich aktuell zu rächen scheint …

In 37 Fächern, siehe auch Lektionentafel und Lehrplan der Abteilung Architektur von 1991, wurden 3’160 Lektionen zu je 45 Minuten unterrichtet, plus Projektarbeiten (400 Lektionen) und  Wochenseminare (200 Lektionen), was Total über 350 Tagen entspricht in 4 1/2 Jahren Studium.

In welchen Bereichen meine wirklichen Stärken und Interessen lagen, merkte ich nach ungefähr 2 Jahren. Der Entwurf hatte mich immer sehr interessiert, obwohl ich mir jedoch am Anfang nicht sicher war, ob ich auch mit den Besten mithalten konnte. Nach drei, vier Semester hatte man sich dann einen gewissen Status in einer Klasse erarbeitet und  wurde sich bewusst, dass die guten Noten in den gestalterischen Fächern kein Zufall waren.

Auch die vier Wochenseminare in Unterschächen Uri zum Thema «Eingriffe», in Jeizinen im Wallis zum Thema «Form und Farbe» und in Laufen Baselland zum Thema «Raumplanung» waren sehr interessant. Die Abschlussreise in das Veneto (Venedig, Padua, Vicenza, Mantua, Sabbioneta) war hinsichtlich Architekturgeschichte ein absolutes Highlight. Die Wochenseminare fanden immer in der ersten Woche der Sommerferien statt. Das hiess, dass wir nur 5 Wochen Sommerferien hatten. Im totalen kamen wir so pro Jahr auf 40 Wochen Schule plus das Wochenseminar im Sommer.

Horw Technikum im Frühsommer 1996 von links nach rechts: August Keller, Patrick J. Schnieper und Beat Stocker. Im Hintergrund meine Diplomarbeit.

Das Studium war sehr intensiv. Ein richtiger »Trip« – es gab nur das Studium und die Arbeit, eventuell im Sommer ein paar Tage Entspannung. Natürlich bekamen wir auch in der Zeit der fünfwöchigen Sommerpause Aufgaben zum Thema Entwurf und/oder Konstruktion. Wenn man etwas gerne macht, ist diese Belastung auszuhalten, speziell in jungen Jahren, wo man voller Energie steckt.

Das Schlussdiplom nach 9 Semestern Studium hat es in sich. Für den Entwurf und die Konstruktionsarbeit hatten wir 3 Wochen Zeit, – was zu einer meiner intensivsten Phasen in meinem Leben zählt – ich träumte von meinem Entwurf … Denn ich war doch einigermassen unter Druck, da ich unbedingt die Note 5 erreichen wollte, was mir schlussendlich auch gelang mit der Note 5.5. Ansporn war immer mein grosses Ziel, nach dem Studium für ein Jahr in New York zu arbeiten, und da brauchte ich in meinem Portfolio im Entwurf und der Konstruktion natürlich mindestens die Note 5.

Für mich gehört die Zeit zwischen 1991 und 1996 zu einer der lehrreichsten in meinem bisherigen Leben. Auch war sie sehr bedeutend für meine persönliche Entwicklung. So ein intensives Studium verbindet auch menschlich, was im Foto oben sehr schön zum Ausdruck kommt!

Tipp:

Berufsbegleitendes Architekturstudium Teil I

Nach meiner Berufslehre als Hochbauzeichner habe ich wie viele andere ebenfalls das 5-jährige berufsbegleitende Architekturstudium mit der etwas sperrigen Bezeichnung Abendtechnikum der Innerschweiz (Atis) in Horw bei Luzern in den Jahren 1991 bis 1996 absolviert.

In meiner 4-teiligen Serie möchte ich zusammen mit meiner Mitarbeiterin Stanislava Janjic auf die Vor- und Nachteile eines berufsbegleitenden Studiums eingehen. Wir vergleichen das heutige berufsbegleitende Bachelor Studium an der HSLU in Luzern / Horw mit meinem Studium vor 30 Jahren. Abschliessend werde ich ein Fazit ziehen und ausgehend von meinem Blickwinkel und meinen Erfahrungen schauen, was gut läuft im berufsbegleitendenArchitekturstudium und wo nachgebessert werden sollte.

Die Idee eines berufsbegleitenden Studiums ist, dass sich die Studierenden praktisch und theoretisch parallel entwickeln können. Ebenso sollte es möglich sein, mit einer abgeschlossenen Berufslehre, den Lebensunterhalt durch die Arbeit in einem Büro zu bestreiten. Das berufsbegleitende Studium ist ein wichtiges und sehr gutes Angebot in unserem Bildungssystem. Die praktischen Erfahrungen sind neben den theoretischen ein wichtiger Bestandteil für das Berufsbild des Architekten. Das Wissen kann nur bedingt in der Theorie gelehrt werden.

Länder wie die Schweiz, Deutschland und Österreich, welche auf ein duales Bildungssystem mit weiterführenden Hochschulen setzen, schneiden in puncto Jugendarbeitslosigkeit weit besser ab als Länder wie Spanien, Frankreich oder die USA, die das duale Bildungssystem kaum kennen und den jungen Menschen nur der Weg über die Matur bleibt. Da werden junge Menschen in Berufen – theoretisch – ausgebildet, die oft zu wenig Nachfrage haben. Die Gefahr einer solchen Fehlentwicklung ist in einem System mit einer Berufslehre viel weniger möglich. Ebenso haben nur wenige die Voraussetzungen, eine wirklich akademische Laufbahn einzuschlagen. Die meisten Menschen sind stark praktisch veranlagt. Siehe auch Brand eins 5/21: Hand über KopfWeniger junge Menschen sollten studieren, fordert der britische Autor David Goodhart. Akademische Jobs seien überbewertet.

Apropos: Obwohl uns ein Altersunterschied von 30 Jahren trennt, sind wir auf den Studentenausweisen gleich alt!

Tipp:

Die Zukunft der urbanen Mobilität: 20 Zoll oder 29 Zoll?

Ich habe seit zwei Jahren ein Tourenfahrrad so wie ein Elektroauto. Zwei Möglichkeiten von Mobilität, mit der ich meine Pendlerstrecke von 10 km in eine Richtung bewältigen kann. Da mein Arbeitsweg einer optimalen Fahrradstreckendistanz entspricht, habe ich mir vorgenommen, dass ich jedes Jahr 50x mit dem Fahrrad zur Arbeit pendle.

Das 29 Zoll Rad ist im urbanen Verkehr im Vorteil – im direkten Vergleich mit den 20 Zoll Räder! GIF-Foto: Agentur Kaufmann

Ich kann mich noch gut an meine Studienzeit erinnern, wo wir im Fach Raumplanung über den PW-Verkehr und seine Emissionen gesprochen haben. Das Thema «Saurer Regen» war auch anfangs der 90-er Jahre sehr präsent. Ich war klar der Auffassung, dass das Auto in Zukunft hinsichtlich Umweltbelastung keine Rolle mehr spielen wird, jedoch im urbanen Umfeld verschärft durch Staus und Parkplatzsuche eine räumliche Herausforderung darstellt. Bezüglich Umweltbelastung war ich auf der Zeitachse etwas zu optimistisch, was den technologischen Fortschritt der Batterie betrifft und der bewusst zögerlichen Herangehensweise der deutschen Automobilindustrie im Bereich Elektromobilität, siehe auch Brand eins Nr. 4/21: Besser spät als nie. Seit Anfang dieses Jahrzehnts zeigt sich deutlich, wohin die automobile Zukunft geht. Emissionen, welche von Autos kommen, werden künftig eine immer kleinere Rolle spielen. Themen wie Kreislaufwirtschaft, Solarstrom und Power-to-Gas werden immer präsenter. Ist das Auto also doch nur noch ein raumplanerisches Thema?

Mit meinen jährlich 50 Velofahrten ins Büro – entspricht 1’000 km – reduziere ich meine automobile Pendler-Präsenz um 20 Prozent. Neben dem räumlichen Nutzen, welches mein Verhalten gegenüber der Allgemeinheit mit sich bringt, sind die gesundheitlichen Vorteile nicht von der Hand zu weisen. Der VCÖ mit Sitz in Wien hat ausgerechnet, dass durch regelmässiges Fahrradfahren bis zu 1’300 Euro an Gesundheitskosten pro Person und Jahr eingespart werden kann.

Es reicht heute im urbanen Umfeld nicht mehr mit einem nachhaltigen Auto unterwegs zu sein, ebenso ist der räumliche Aspekt gebührend zu berücksichtigen bei der Wahl der Radgrösse! Man stelle sich vor jeder, dem es beruflich möglich ist, macht 1x die Woche Homeoffice und alle anderen fahren 1x wöchentlich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Mit dieser kleinen Anpassung der persönlichen Gewohnheiten kann viel betreffend unnötiger Verkehrsstaus und der dazugehörenden Stresssituationen verändert werden. Wenn jeder bereit ist, seine Gewohnheiten hinsichtlich persönlicher Pendler-Mobilität zu überdenken, könnte künftig bestimmt auf die eine oder andere Umfahrungsstrasse verzichtet werden.

In der aktuell angenehm warmen Jahreszeit entscheide ich mich so oft wie möglich für die 29 Zoll und brause dann vergnügt vom Nordpol herkommend der Reuss entlang Richtung Luzern!

Tipps:

NYC: «SoHo Coffee Office»

Home Office ist seit März 2020 für viele Menschen nicht mehr nur ein Begriff, sondern eine Tatsache. Eine neue Erfahrung zu arbeiten: selbstverantwortlich, oft ohne soziale Kontrolle und «nur» per Videokonferenz in Verbindung zur Aussenwelt! Ich arbeitete seit dem Jahr 2000, jedes Jahr für drei Wochen von New York aus für mein Büro in Kriens. Letztes Jahr war ich erstmals seit 20 Jahren nicht in New York, ein Tapetenwechsel den ich vermisse.

Patrick J. Schnieper im Loft von Alex Kayser am 4. September 2003 – Foto Alex Kayser

Ich habe den Kunstfotografen Alex Kayser 1998 kennengelernt, siehe auch ArchitekturCumulus vom 8. August 2015: A Sweet Home: Alex Kayser 1949 – 2015. Wenn ich im Herbst jeweils für drei Wochen in New York war, für einen Tapetenwechsel, wohnte ich in den Jahren von 2000 bis 2014 in Tribeca am 211 West Broadway bei Alex Kayser. Alex war starker Raucher, was mir das Arbeiten in seinem Künstler-Loft oft etwas schwer machte … am Morgen konnte ich bis ungefähr 11 Uhr ungestört, ohne Rauch, welcher meine Augen rötete, meinen Tätigkeiten nachgehen. Skypen mit dem Büro in Kriens und sonstige Telefonpendenzen erledigen, da Alex viel in der Nacht arbeitete. Für den Nachmittag musste ich mich meinen Augen zuliebe um eine Alternative kümmern. Was lag näher, als eines der vielen SoHo Cafés als (Co-)Working-Space in Beschlag zu nehmen.

In den ersten paar Jahren verbrachte ich meine Arbeitsnachmittage in der Espresso Bar «Space Untitled» in der Greene Street im SoHo. Ein «Place to Be», wo man sich zum Kaffee getroffen hatte. Das Arbeiten mit einem CAD-Programm in einem Kaffee auf einem Mac-PowerBook-Titanium war anfangs der Nullerjahre selbst für New Yorker etwas besonderes. Nach der Schliessung der Espresso Bar im Jahre 2008, arbeitete ich in der Aroma Espresso Bar an der 145 Greene Street (neu an der 100 Church Street) und im Gotan in direkter Nachbarschaft zum Loft von Alex. Ab dem Jahr 2011 zügelte ich mein «SoHo Coffee Office» in den Starbucks at Spring & Crosby Street. Der Starbucks liegt in direkter Nachbarschaft zum MoMA Design Store und zum Restaurant Balthazar und ist nur ein Steinwurf von Little Italy entfernt. Für mich neben dem Astor Place Starbucks einer der interessantesten Starbucks bezüglich Publikum in Manhattan.

P. J. Schnieper im Starbucks Spring and Crosby Street am 11. Oktober 2013 – Foto Alex Kayser

Der Gästemix im Starbucks Spring and Crosby Street ist bunt: Touristen, welche sich vom Shoppingrausch erholen und ihre Social Media Updates durchführen, Studierende, die lernen, Eltern mit Kindern, die sich eine Pause gönnen, Freiberufler, die als Webdesigner, Blogger, Musikproduzenten und vieles anderes arbeiten. Was auch oft zu beobachten ist, dass jemand zwei, drei Personen trifft, für Vorstellungs-Gespräche … und immer wieder die Polizei, die Drogendealer und Süchtige abführt. Es ist ein Starbucks, der extrem viel Publikum anzieht, nicht nur die Schlange vor den Toiletten ist oft lang, auch das Bestellen vor Ort braucht häufig etwas Geduld. Ich habe sehr grossen Respekt, was die Mitarbeiter in solch einem hochfrequentierten Starbucks leisten – immer freundlich an der Kasse, beim Zubereiten von Getränken oder beim Putzen der Tische und WCs.

Das Nachmittags-Arbeiten im «SoHo Coffee Office» war ein guter Kontrast zum Künstler-Loft-Leben bei Alex oder zur heute eher ruhigen Wohngegend in Harlem Sugar Hill, wo ich jeweils bei Jutta Weiss, einer aussergewöhnlichen Hairstylistin, wohnen darf. Ob entwerfen oder schreiben, für mich war es nie ein Problem bezüglich Konzentration in einem hochfrequentierten Kaffee meinen Arbeiten nachzugehen. Die Stimmen vermischten sich zu einem gesamthaften Geräuschteppich, welcher in Manhattan allgegenwärtig ist. Am Nachmittag ungestört, dank der Zeitverschiebung ohne Telefonunterbrechungen zu zeichnen oder zu schreiben, ist die perfekte Voraussetzung, um in einen produktiven Arbeitsflow zu kommen.

Das «SoHo Coffee Office» ist / »war« eine hochdosierte Portion Inspiration …

Tipps

Architekturstudium: 7. Semester

Im letzten Blogbeitrag umschrieb Fabienne Ottiger, die seit letztem November bei uns das Praktikum macht, ihren Weg zum Architekturstudium. Während Sie ganz am Anfang der Ausbildung steht, ist für mich das Ende des Studiums an der Hochschule für Architektur und Technik in Sicht. Im Januar habe ich das siebte und zweitletzte Semester abgeschlossen und möchte nun vor dem bevorstehenden Bachelor Diplomsemester darauf zurückblicken.

Im Entwurfsmodul des siebten Semesters sollte das Wissen der vorherigen Semester gebündelt angewandt werden. Bei der Projektentwicklung wurde der Fokus auf die tektonische Umsetzung und Atmosphäre gelegt. Ausgearbeitet wurde dies von den Studierenden in Form von Plänen und Visualisierungen. Zudem ging es darum, die Arbeit möglichst selbstständig zu bewältigen. Mit Letzterem ist gemeint, dass wir Studierenden im Entwurfsprozess weniger intensiv von den Dozenten begleitet wurden, wie das in den vorherigen Semestern der Fall war. Entscheidungen sollten eigenständig mit nachvollziehbaren Argumenten getroffen und das freie Arbeiten für die Bachelorarbeit trainiert und gefördert werden.

Die Aufgabenstellung im Entwurfsszenario beinhaltete das Umbauen, Umnützen und Erweitern der ehemaligen Fabrik- und Verwaltungsgebäude der Leinenweberei in Bern Wankdorf. Auf dem Areal soll der neue Standort für die Schauspielschule der Hochschule für Künste entstehen. Die Werkhalle wird um die doppelte Fläche erweitert und an die Anforderungen der neuen Nutzerschaft angepasst.

Die bestehende Leinenweberei ist ein Stahl-Skelettbau, welche ein Sheddach trägt und von einer Backsteinfassade umschlossen wird. Der Ausdruck des Innenraums ist durch das Stützenraster geprägt. Die Prägnanz der Tragkonstruktion zeichnet den ursprünglichen Bau von 1911 aus. Neben der Fabrikhalle steht das Verwaltungsgebäude.

Der Neubau als Leuchtkörper in der Nacht.

Mein Konzept beruht auf der Idee, dass zur historischen Bausubstanz der denkmalgeschützten Halle mit einem modernen sechsgeschossigen Erweiterungsbau ein sichtbarer Kontrast gesetzt wird. Der Erweiterungsbau ist ein kubisch transluzider Monolith, der die Idee einer Laterne aufgreift. Am Tag ist das Gebäude weiss und zurückhaltend, in der Nacht wird es zum leuchtenden Wegweiser. Zudem wird die Halle um zwei Achsen bis an den Verwaltungsbau mit Walmdach und Lukarnen erweitert. (Um detaillierter in das Projekt einzutauchen, siehe Semesterabgabe 31 MB).

Die Theaterschule ist zum Wohnquartier hin adressiert. Der Eingang befindet sich im Übergang von Bestand und Neubau. Der Auftakt zu den Wohnbauten, welcher als öffentlicher Platz gestaltet und von der Wylerringstrasse abgeschottet ist, wird dadurch aktiviert und mit der Quartierstrasse verbunden. Im Eingangsbereich werden die zentralen Räume für den Publikumsverkehr angeordnet. Durch einen begrünten Innenhof wird der Publikumsverkehr von den Projekträumen der Studierenden getrennt. Die Verglasung ermöglicht jedoch den Durchblick durch das Gebäude. Der Verwaltungsbau wird durch eine Erweiterung ganzheitlich mit der Halle verbunden und wird auch zukünftig für Büroräumlichkeiten genutzt.

Der Neubau knüpft mit seiner Struktur an das 6 x 6 Meter Raster der Shedhalle an. Er ist als Stahl-Skelettbau konzipiert. Die vertikale Erschliessung wird als skulpturales Element in das Foyer gestellt und signalisiert die Wegführung für die Besucher. In den Obergeschossen sind die Räume je nach Relevanz für den Publikumsverkehr angeordnet.

Abschliessend hätte ich mir gewünscht, dass wir mehr Zeit gehabt hätten, die Aufgabe weiter zu vertiefen und detaillierter auszuarbeiten, jedoch sprengt das den Rahmen des 14-wöchigen Semesters. Ich freue mich, dass ich Fortschritte in Sachen Arbeitsweise machen konnte und den Grad an Selbstständigkeit erreicht habe, der von mir gefordert wurde. Das vergangene Semester gibt mir Sicherheit für die bevorstehende Diplomarbeit und ich bin gespannt, was mich dabei erwartet.

Tipps:

Über die Psychologie zur Architektur

Nach meinem Maturaabschluss im Sommer 2017 startete mein Zwischenjahr, in welchem ich die Zeit nutzte, um zu arbeiten und eine Entscheidung bezüglich meiner Studienwahl zu treffen.

Das Psychologiestudium und das Architekturstudium waren schlussendlich meine zwei Favoriten. Viele Gemeinsamkeiten weisen diese zwei Studiengänge auf den ersten Blick nicht auf – umso schwieriger war es für mich, einen Entschluss zu fassen. Auf der einen Seite interessierte es mich, wie sich Menschen verhalten, wie sie denken und fühlen. Andererseits hatte ich im Gymnasium als Schwerpunktfach «Bildnerisches Gestalten» gewählt und befasste mich drei Jahre lang mit verschiedensten Facetten der Gestaltung und Kunst. Mein absoluter Höhepunkt dieser drei Jahre war ein Projekt, bei welchem wir unser eigenes Traumhaus-Modell entstehen lassen durften. So konnte ich meiner Kreativität freien Lauf lassen und entwarf ein Haus, welches ganz meinen Wünschen entsprach.

Mein Interesse war für beide Bereiche sehr gross, weshalb es beinahe eine 50:50 Entscheidung war. Ich habe mir dann überlegt, was für mich die Vor- und Nachteile der zwei Studiengänge sind. Ich bemerkte, dass ich gerne mit Menschen kommuniziere und wollte mehr über zwischenmenschliche Beziehungen lernen. Ebenfalls wusste ich, dass dieses Studium eine gute Grundlage ist und mir nach Studienabschluss sämtliche Türen offen stehen. Mit einem Masterabschluss in Psychologie kann man in verschiedensten Bereichen wie Gesundheit, Soziales, öffentliche Dienste, Wirtschaft oder Wissenschaft arbeiten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine genaue Vorstellung davon, in welcher Fachrichtung ich später arbeiten will, weshalb mir eine Ausbildung mit einem breitgefächerten Inhalt als einleuchtend erschien.

Somit entschied ich mich für das Psychologiestudium und studierte zwei Jahre lang an der Universität Zürich. Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich das erste Mal vor dem Hauptgebäude der Universität Zürich stand, danach das Innere des Gebäudes betrat und mich in der Mitte des grossen Lichthofs wiederfand. Die Wirkung, welche dieser Raum auf mich hatte, war beeindruckend. Ich kam mir zwar ganz klein und unwichtig vor, doch zugleich fühlte ich mich inspiriert und motiviert.

Lichthof im Hauptgebäude der Universität Zürich (UZH / Bild: Ursula Meisser)

Das Psychologiestudium verlief nicht ganz nach Plan, da ich den Umfang des Studiums unterschätzt habe und mich vom klischeehaften Studentenleben verleiten liess. Nach der Exmatrikulation an der Universität Zürich musste ich nicht lange überlegen, wie es nun weiter geht. Ich entschied mich dafür, mich meinem zweiten Studiumsfavoriten, der Architektur, zu widmen. Anfangs November 2020 habe ich mein Praktikum bei Schnieper Architekten begonnen. Das Absolvieren eines Praktikums ist eine notwendige Voraussetzung, um im Herbst 2021 mein Architekturstudium an der Hochschule Architektur & Technik in Luzern anzutreten.

Die Thematik ist für mich etwas völlig Neues. Ganz nach dem Motto: «Learning by doing» gehe ich jeden Morgen ins Büro und bin gespannt, was ich heute wieder neu dazu lernen darf. Bereits in den ersten drei Monaten habe ich viele Dinge erfahren und bekam einen breitgefächerten Einblick in die Tätigkeit eines Architekten. Schnell wurde mir klar, dass es nicht nur darum geht, ein schönes Häuschen zu zeichnen, sondern, dass viel mehr dahintersteckt. Es geht darum, etwas zu entwerfen, das seinen Nutzen erfüllt, standhaft ist, in seine Umgebung passt und andere anspricht. Die Architektur ist ein unglaublich facettenreiches Gebiet und ich freue mich in jede dieser Facetten einen tieferen Einblick zu bekommen.

Und vielleicht liegen die Architektur und die Psychologie unter diesem einen Aspekt doch nicht so weit auseinander. So wie die Menschen sich unter Einbezug externer Faktoren selbst entwerfen, formen, bilden und weiterentwickeln, macht dies der Architekt mit Gebäuden. Er entwirft, formt und konstruiert Gebäude für uns Menschen und entwickelt sie weiter, damit die späteren Bewohner sich darin wohl fühlen und – im Idealfall – heimisch werden. Wenn Architekt und Bauherrschaft harmonieren und eine gute Kommunikation herrscht, können fantastische Gebäude entstehen. So gesehen, haben Architektur und Psychologie durchaus Gemeinsamkeiten.