ArchitekturCumulus

Neubau Luzerner Theater: Gebäude müssen kommunizieren!

Die Debatte um einen möglichen Um-, An- oder Neubau des Luzerner Theaters läuft bekanntlich schon länger. Eine Testplanung, in der jeweils zwei Varianten für Umbau & Anbau sowie Neubau geprüft wurden, ist bereits abgeschlossen, siehe auch Luzerner Zeitung vom 13. Oktober 2018.

Was jedoch bei der Testplanung des Kantons fehlt, ist der städtebaulich angemessene Umgang mit der Jesuitenkirche. Die vier Vorschläge der Testplanung kommen der Ostfassade der Kirche räumlich sehr nahe. Begründet wurde dieses Vorgehen historisch. Von 1890 bis 1947 gab es eine hofartige Bebauung, den Freienhof, welcher gegen die Reuss durch einen kleinen, zweigeschossigen Bau mit der Jesuitenkirche örtlich verbunden war.

Die Verbindung zur Jesuitenkirche war pragmatischer Natur und nur ein kurzes Intermezzo in der über 300-jährigen Geschichte der Kirche, welche 1666 erbaut wurde, siehe auch Zentralplus vom 3. März 2019: Vom Kreuz mit dem Theater – oder vom Theater um das Kreuz. Der «gassenartige» Freiraum zwischen Theater und Kirche, welcher von allen Teams in der Testplanung vorgeschlagen wird, vermag in keiner Weise räumlich zu überzeugen.

Links Theater bestehend, Mitte Testplanung Vorschlag I Anbau: ARGE Büro Konstrukt / TGS Architekten Luzern, Rechts Testplanung Vorschlag II Anbau: HHF Architekten Basel
Links Testplanung Vorschlag III Neubau: Bosshard & Luchsinger Architekten Luzern, Mitte Testplanung Vorschlag IV Neubau: Büro Konstrukt / TGS Architekten Luzern, Rechts Vorschlag Neubau Patrick J. Schnieper Kriens

Neben einer zeitgemässen Theater-Infrastruktur, einer Verdopplung des heutigen Raumprogramms, sollte dem städtebaulichen Aspekt gebührend Beachtung geschenkt werden. Für mich ist ein angemessener Theaterplatz ein zwingender Baustein. Wo dabei die Anordnung des Platzes sinnvoll ist, ob zur Kirche auf der Westseite ausgerichtet oder gegen Osten Richtung Seebrücke, ist eine Frage der ortsbaulichen Gewichtung. Argumente für einen ostseitigen Theaterplatz sind die Anbindung an den Rathaussteg mit den Sichtverbindungen auf die Rathaustreppe und den Kornmarktplatz auf der gegenüberliegenden Reuss-Seite. Für einen Platz auf der Westseite spricht ein respektvolles Nebeneinander in Form eines angemessenen Freiraums zwischen Kirche und Theater. Weiter ist ein Theaterplatz auf der Westseite zur Kirche hin aus folgender Überlegung vorzuziehen: Theater und Kirche treten architektonisch in einen Dialog, beiden Bauten wird eine entsprechende Ausstrahlung zugeordnet. Ebenso ist es für die Stadt Luzern eine grosse Chance, einen Platz in der Grösse von knapp 2000 Quadratmeter zu erhalten – verkehrsfrei – an einzigartiger, prominenter Lage mit Anbindung an den Jesuitenplatz, ein Ort, der zum Flanieren und Verweilen einlädt.

Nutzungsverteilungsvorschlag  P. J. Schnieper

Um für den Theaterplatz eine angemessene Grösse zu erhalten, muss das Raumprogramm des Neubaus in die Höhe entwickelt werden. Der Saal würde im 2. Obergeschoss platziert werden, was unter anderem den Vorteil mit sich bringt, nur im Bereich der Bühne ein Untergeschoss ins Erdreich bauen zu müssen. Ein wichtiger Aspekt bezüglich der örtlichen Geologie, welche wegen des Grundwasser- spiegels nur ein vollflächiges Untergeschoss zulässt.

Die Länge des Neubaus ergibt sich aus folgenden Raumabmessungen: Hinterbühne 10 Meter, Bühne 15 Meter, Saal 22 Meter und Foyer 10 Meter, was Total 57 Meter entspricht. Die Breite setzt sich aus Bühne 17.5 Meter, so wie den beiden seitlichen Erschliessungen von je 8.25 Meter zusammen, was im Total 34 Meter ergibt. Die Gebäudehöhe im Bereich der Bühne addiert sich aus folgenden Teilmassen: Unterbühne 15 Meter, Bühne 12 Meter und Technik Bühne 10 Meter, was eine sichtbare Fassadenhöhe ab Erdgeschoss von 32 Metern entspricht.

Der Hauptbau mit 24 Metern Fassadenhöhe wird vom Bühnenaufbau um 8 Meter überragt. Das Theater hätte so eine Kuppel – Krone, was in der städtebaulichen Tradition steht, siehe auch historische Fotoaufnahme aus dem Jahr 1900 mit Hauptpost links und Hotel du Lac rechts auf der gegenüberliegenden Reussuferseite. Das Hotel wurde 1948 abgebrochen.

Neben städtebaulichen und raumkonzeptionellen Fragen sind die Forderungen der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege und der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission, welche sich für einen Erhalt der Nordfassade einsetzt, siehe auch Luzerner Zeitung vom 5. Oktober 2019, zu beachten. Wie weit ein Einbezug der Nordfassade vom bestehenden Theater bei einem Neubau Sinn macht, ist eine delikate Frage… klar ist; mit dem geforderten Raumprogramm ist ein Neubau zwingend.

Der Kompromiss liegt auf dem Tisch: Den Saal im 2. Obergeschoss platzieren, also in die Höhe bauen. Mit dieser Massnahme wäre ein angemessener Freiraum zwischen Theater und Kirche möglich. Im Gegenzug muss die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege und die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission auf die bestehende Nordfassade verzichten.

Neben all den funktionalen und denkmalpflegerischen Aspekten finde ich es essenziell, dass städtebaulich markante Bauten miteinander kommunizieren und nicht Rücken an Rücken zueinander stehen sollten.

Tipps

Architekturausflug: Biel – Vevey – Lausanne – Genf

Da im April unser Büroausflug nach Wien nicht möglich war, entschieden wir uns die Romandie architektonisch besser kennenzulernen. Emissionsfrei fuhren wir am Freitagmorgen den 7. August 2020 mit dem BMW i3 auf unseren vier Städtetrip, in Begleitung von meinem Freund und Architekturstudenten Clau Item.

Volkshaus Biel, Architekt Eduard Lanz, 1932 | Villa «Le Lac», Architekt Le Corbusier, 1924

Der im letzten Jahr fertiggestellte, schlangenförmige Swatch Hauptsitz in Biel enttäuschte uns. Die organische Hülle wiederspricht der inneren Büronutzung. Form und Funktion stimmen nicht überein. Zudem ist der Bau von aussen durch die Metall, Glas und Kunststoff Verkleidung nicht mehr als Holzbau lesbar. Dafür erfreuten wir uns an der Architektur des Volkshauses an der Bahnhofsstrasse, dem Kongresszentrum und dem Gymnasium Strandboden. Im Anschluss fuhren wir nach Vevey und konnten bei bestem Wetter «Une petit maison» von Le Corbusier am Lac Léman besichtigen.

Auf dem Weg nach Genf machten wir Halt beim «Rolex Learning Center» in Lausanne. Während wir die von SAANA Architekten entworfene Lernlandschaft durchschritten, hing unser Fortbewegungsmittel an der Ladestation. Im Restaurant «Les Sixième Heure» liessen wir den Tag mit einem feinen Nachtessen und einer charmanten Gastgeberin ausklingen.

Rolex Learning Center, Architektur SANAA, 2010 | Maison Clarté, Architekt Le Corbusier, 1932

Am Samstagmorgen spazierten wir vom Hotel bis zum Restaurant «Oh Martine!», wo wir nach einem leckeren Frühstück die neue Bahnstation «Genève-Eaux-Vives» von Jean Nouvel besuchten. Diese Station ist der Grundbaustein für die Neuplanung des Stadtteils Eaux-Vives. Angrenzend an das Gebiet steht das UNESCO Welterbe von Le Corbusier: «Maison Clarté». Es ist faszinierend für mich zu sehen, dass ein 96 Jahre altes Mehrfamilienhaus, architektonisch immer noch topaktuell wirkt. Danach folgte ein Spaziergang durch die Altstadt und einem Blick über die Stadt vom Glockenturm der Kathedrale St. Peter.

Am Nachmittag besichtigten wir das Museum für Völkerkunde von Graber Pulver. Es bildet den Abschluss eines Schulhausplatzes und sticht mit seiner expressiven Architektur aus dem Kontext heraus. Im hochragenden, spitzen Dach erwarteten wir öffentlich zugängliche Räume. Leider sind da nur Büros und die Mediathek untergebracht. Die Ausstellungsräume sind im Untergeschoss angeordnet. Für kontroverse Diskussionen sorgte ebenfalls das neue Glas-Hochhaus von TSR (SRF) auf dem grosszügigen Gelände der TV-Anstalt, welches durch unsere Gebühren finanziert wurde.

Hochhaus TSR (SRF), Architekten dl-a Devanthéry & Lamuniére, 2010 | Cité du Lignon, Architekt Georges Addor, 1971 | Kopfbedeckung Chef: Risa – Panama Trilby

Für den Sonntag haben wir uns das Gebiet Sécheron rund um den UNO-Hauptsitz vorgenommen. Um den Bahnhof Sécheron sind moderne Geschäfts- und Wohnviertel mit den unterschiedlichsten Bauten entstanden: der Hauptsitz des Tabakkonzerns JTI, das Studentenwohnhaus des Hochschulinstituts für internationale Studien und Entwicklungen und die Wohnüberbauung «Foyer Sécheron» sind nur drei davon. Der Botanische Garten, in der Nähe der Weltgesundheitsorganisation, bot uns den Gegenpol zu den hohen Glasfassaden. Das Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum besuchten wir im Anschluss an unseren Aufenthalt im Grünen. Einer der drei thematischen Räume der Daueraustellung wurde vom japanischen Architekten Shigeru Ban gestaltet.

Nach dem Mittag fuhren wir nach Vernier, westlich der Stadt Genf, zu der über einen Kilometer langen Wohnsiedlung Le Lignon aus den 1960er Jahren, unser Highlight! Die für 10’000 Menschen geplante Satellitenstadt wird immer noch von 5’700 Personen bewohnt. Durch die Laubengänge mit den gelben vertikalen Stoffmarkisen, welche sich auf jedem vierten Geschoss wiederholen und die farbigen Stoffstoren vor den Balkonen, wird das strenge Fassadenraster aufgelockert und umgeht so eine monotone Erscheinung. Im Anschluss fuhren wir an den Rand von Meyrin. Dort steht neben drei dominanten Hochhäusern die Schulanlage «Les Vergers», welche uns mit ihrer Materialisierung zu überzeugen vermochte. Die Fassade ist sorgfältig mit Betonstützen und umlaufenden Betonbalkonen gestaltet. Die Holzfenster bilden den Kontrast und für uns einen schönen Abschluss der Reise. Auf der schnurgeraden Strecke fuhren wir wieder zurück in die Stadt.

Auf der Heimreise reichte uns eine halbstündige Pause am Schnelllader der Raststätte Grauholz bei Bern. Die zeitgemässe, etwas weitere, Reise mit dem kleinen Stadtflitzer BMW i3 funktionierte einwandfrei!

Tipps:

NYC Subway Contemporary Art & Design Trip: Ausführung und Dokumetation – Teil II / II

Die Vorbereitung der Tour war schon ein kleiner Marathon, siehe auch Post «NYC Subway Contemporary Art & Design Trip: Idee und Vorbereitung – Teil I / II». Um alle 31 Stationen zu besuchen, haben Renate Stürmer und ich uns zwischen dem 14. und 26. September 2019 fünf mal Nachmittags auf eine super interessante «Kunst am Bau»- Reise begeben. Jede Station hat eine andere Atmosphäre bezüglich Menschen, Architektur und Kunst. Mit der Programm-Zusammenstellung kam die Idee auf, alle Station zu dokumentieren. Was für unseren Trip hiess: Fotos & Videos machen, Kunstobjekte zählen und die Auffindbarkeit von Kunstobjekten, wo nötig, beschreiben. Aktuell gibt es, meines Wissens, keinen NYC Subway Contemporary Art & Design Guide, welcher einem einen Vorgeschmack auf das gibt, was einen auf so einer Reise erwartet. Um dem ganzen Subway-Art-Trip eine persönliche Note zu geben, haben wir bei jeder Station ein Art & Design Selfie geschossen, so wie ich das seit dem Büroausflug nach Kopenhagen im Jahr 2017 – Architektur-Selfie – immer mache.

Bleecker Street / Lafayette Street, Leo Villareal, Hive | Second Avenue – 86th Street, Chuck Close, Subway Portraits
Second Avenue–86th Street, Chuck Close, Subway Portraits | 23rd Street, William Wegman, Stationary Figures
Grand Central-42nd Street, Christopher Sproat, V-Beam | 72 Street, Yoko Ono, SKY
71st Street (Brooklyn), Joan Linder, The Flora of Bensonhurst | 2nd Avenue–96th Street, Sarah Sze, Blueprint for a Landscape

Die 1. Station Kingsbridge Road in der Bronx, von Mario M. Muller, mit dem Titel «Urban Motif» ist übersichtlich bezüglich Auffindbarkeit und Ausmass der künstlerischen Arbeit. Es handelt sich um vier 3-teilige Glastafeln, die es fotografisch festzuhalten galt. Die Station Prince Street (Nr.10), mit dem Titel «Carrying On» von Janet Zweig and Edward del Rosario ist etwas aufwändiger, ich habe in der beliebten SoHo Subway-Station 191 Miniaturmenschen Silhouetten gezählt, welche detailgenau ab Fotovorlagen aus Chromstahl gefertigt sind und in die bestehenden Fliesen eingearbeitet wurden. Entsprechend intensiv gestaltete sich die Foto-Dokumentation. Das Auffinden einiger Arbeiten stellte sich oftmals als nicht ganz einfach heraus, trotz nachfragen bei MTA-Stations-Mitarbeiter oder Passanten, wie im Fall der beiden Arbeiten «Halo» und «Yab-Yum» (Station-Nr. 8 / 9)  von den Künstlern Nicholas Pearson und David Provan im Subway-Hub 34th Street – Herald Square. Ebenfalls als eine kleine Knacknuss stellte sich die Arbeit «Riders, Blue» eine Aluminiumskulptur (Station-Nr.16) von Sam Gilliam in der Jamaica Center – Parsons / Archer Station in Queens bezüglich der Auffindbarkeit dar. Auch unsere absolute Lieblings-Arbeit von Bill Brand, mit dem Namen Masstransiscope (Station-Nr.15), ist nicht einfach zu erspähen und fotografisch bzw. videomässig einzufangen! Schiessen von Fotos oder Videos, speziell während der abendlichen Rushhour, war oft herausfordernd. Das Video «Passing Through» (Station Nr. 31) von Al Held an der Lexington Avenue – 53rd Street ist ein schönes Beispiel diesbezüglich.

Cover: New York City Subway 31 Contemporary Art & Design Stations Tour – Program | Doku (79.8 MB)

Aus der Idee, eine NYC Subway Contemporary Art & Design Tour zu machen, ist eine 301 seitige Dokumentation geworden. Die Vorbereitungen, die Besichtigungen und die Doku sind drei Sequenzen, welche jede für sich sehr lehrreich bezüglich der Auseinandersetzung «was ein gutes Kunst am Bau Projekt aus macht» waren. Siehe auch unsere Stationen-Bewertungen mit Sternen 1 bis 6 in der Doku. Es war nie die Absicht ein so detailliertes Programm zu schreiben, so viele Fotos zu schiessen und anschliessend eine Doku mit 511 Fotos und 13 Texten zu Stationen, die uns besonders beeindruckt haben, zu erstellen. Jeder Schritt hat sich ohne grosses Planen oder Überlegen ergeben. Das Bildmaterial (Mobile-Fotos) wurde nur marginal bearbeitet, wie zum Beispiel die schiefen Winkel. Die Doku soll kein Buch sein – sondern eine rohe Zusammenfassung eines intensiven «Unterground Art Trips», den ich sofort wieder machen würde!

Tipp:

  • New York City Subway 31 Contemporary Art & Design Stations Tour – Program (21.4 MB) by Patrick J. Schnieper

«Second Life Bau» in Diessenhofen

Nein, «Second Life» steht nicht nur für eine Parallelwelt, in der man als Avatar in einer selbstgebauten 3D-Welt lebt, sowie das in der gleichnamigen Online-3D-Infrastruktur der Fall ist. Der «Second Life Bau», welchen Geri Stolz Keller und August Keller realisieren, steht für Nachhaltigkeit und Weitsicht in der physischen Welt im Kanton Thurgau.

Holz-Modulbau bestehend aus 8 Grundelementen

Für meinen ehemaligen Studienfreund und Geschäftspartner durfte ich das Projekt Werkhalle & Büros «am Teuchelweiher» in Diessenhofen planen. Es zeigt beispielhaft auf, was im temporären Holzbau heute möglich ist. Der 600 Quadratmeter grosse Holzbau steht auf einer neu erstellten Ortbeton-Einstellhalle und ist zu 100 Prozent aus wiederverwerteten Holz- und Stahlelementen erbaut, welche die Firma Nüssli bereits in Zürich für ein Kantinen-Provisorium entwickelt und verwendet hatte. Alle Elemente können am Mythenquai demontiert und in kürzester Zeit – dank Modulbauweise – wieder in Diessenhofen montiert werden, wo der «Second Life Bau» auf unbestimmte Zeit seinen Dienst tun soll.

Die Planung war anspruchsvoll, da wir uns entschieden, alles aus dem vorhandenen «Stahl-/ und Holzmodul-Element Katalog» zu entwickeln. «Exemplarisch sichtbar wird dies am Niveausprung zwischen strassenseitigem Zugang und der rückseitigen Verbindung zum Bestand. Dieser metrige Höhenunterschied wird über den massiven Betonsockel aufgenommen, auf welchem der Holzbau podestartig platziert und somit gut vor aufsteigender Feuchtigkeit geschützt ist.»

Der «Stahl-/ und Holzmodul-Element Katalog» besteht aus acht Grundbauteilen: Stahlstützen Höhe 3.64 Meter, Primär- und Sekundär-Stahlträger Länge 6 Meter und Knoten-Verbindungselement Höhe 36 Zentimeter, Holzkasten-Deckenelement 2 x 6 Meter, Holzkasten-Fassadenelement geschlossen 2 x 4 Meter, Holzkasten-Fassadenelement mit Fenster 2 x 4 Meter sowie Holzkasten-Dachrandelement mit einer Höhe von 40 Zentimetern.

Neben Solarmodulen auf dem Dach, was heute für einen Industriebau Standard sein sollte, hat die Bauherrschaft zwei Ladestationen für das zukünftige kpm3 Firmenelektroauto Polstar vorgesehen.

Ein weiteres, sorgfältig aufgegleistes Detail ist das Douglasieholz für das vorgehängte Fassadenkleid, welches aus dem Bürgerwald in Diessenhofen stammt. Es wurde diesen Winter gemäss dem Mondkalender geschlagen. Die vertikalen Holzlatten und die gut sichtbare, horizontale Unterkonstruktion geben dem profanen Holzmodulbau eine unerwartete Leichtigkeit.

Die Spitex Diessenhofen als neue Mieterin und die Schreinerei Roesch als langjähriger Mieter arbeiten ab Oktober 2020 in einem dem Zeitgeist entsprechenden Neubau. Auch die weltweit tätige Firma kpm3, mit dem Bauherrn als CEO, hat ihre Schweizer Büroarbeitsplätze in Zukunft in diesem innovativen und nachhaltigen Gebäude.

Nicht nur mit einem Elektroauto kann man den CO2 Ausstoss optimieren, auch mit einem smarten Holzbau!

Tipps:

NYC Subway Contemporary Art & Design Trip: Idee und Vorbereitung – Teil I / II

Renate Stürmer, eine gute Freundin aus Bushwick New York, interessierte sich schon länger für die Kunstprojekte in der NYC Subway, speziell für die zeitgenössischen Arbeiten. Am Sonntagabend den 4. November 2018 bei einem gemeinsamen Nachtessen im Balthazar, nach meinem erfolgreich absolvierten NYC-Marathon – bot ich Renate an – einen NYC Subway Art Trip zusammenzustellen. Worauf ich mich bei diesem Nachtessen eingelassen habe, wahrscheinlich immer noch geflasht vom «Runner’s High», war mir bis dahin nicht bewusst.

Nr. 15 «Masstransiscope» ist unser absoluter Favorit auf der «New York City Subway 31 Contemporary Art & Design Stations Tour» – Foto: Renate Stürmer 18.09.2019

Anfang August 2019, vor meinem alljährlichen 3-wöchigen «September New York Aufenthalt», begann ich mich mit dem Thema NYC Subway Contemporary Art & Design Trip zu beschäftigen. Für mich war schnell klar, dass so ein Vorhaben geplant werden muss. Also schaute ich, ob geführte Touren angeboten wurden. Das Ergebnis war die Möglichkeit einer geführten Subway-Tour, welche mir jedoch zu touristisch war, da wir uns vornehmlich für die zeitgenössische Kunst interessierten.

In einem ersten Durchgang navigierte ich mich durch den Subway Art Guide, eine Webseite, welche über 250 Stationen in besonders übersichtlicher Weise auflistet. Ich filterte 48 Stationen heraus, welche mich durch ihre frische und unkonventionelle grafische Sprache überzeugten. In einem weiteren Schritt reduzierte ich die Auswahl auf 31 Stationen, immer im Hinterkopf, dass wir diese Station auch alle besuchen wollten! Als weitere Grundlage diente mir die offizielle Webseite der New York Subway (MTA). Sie verfügt über ein Verzeichnis aller NYC Subway Art & Design Stations. In diesem Index findet man zu jedem Projekt einen Beschrieb sowie einige Fotos. Die MTA Art & Design Webseite bildete die Grundlage für unseren persönlichen «New York City Subway 31 Contemporary Stations Art & Design Tour» Guide.

Cover: New York City Subway 31 Contemporary Art & Design Stations Tour – Program

Die Herausforderung bestand nun darin, die 31 Stationen des Art Trips so übersichtlich und anschaulich auf das Papier zu bringen, dass auch andere kunstbegeisterte New York Kenner den 2 1/2-tägigen Subway-Ride ganz oder teilweise nachreisen können. Die Aufgabe war eine Route zu finden, welche die 31 Stationen elegant zu einer bequemen Reise verbindet. Besonders herausfordernd waren dabei die relativ grossen Distanzen. So spannt sich zwischen der nördlichsten Subway Station auf unserem Ausflug, Kingsbride Road (Nr. 1), in den Bronx und der südlichsten Coney Island (Change-Station) in Brooklyn eine Entfernung von ca. 50 km auf. Auch auf der Ost-West-Achse von Jamica Center, Parsons/Archer Station (Nr. 16) in Queens bis zur 72 Street Station Central Park West (Nr. 26) in Manhattan liegen immerhin 20 km. Ergebnis sind acht kompakte und übersichtliche A4-Seiten, welche die «New York City Subway 31 Contemporary Art & Design Stations Tour» zusammenfassen. Das PDF-File funktioniert auch gut auf dem Mobile, so dass man keine Unmenge an Papier oder gar lose Blätter mit sich rumschleppen muss. Im Tour Guide haben wir jede Station mit Sternen (1-6) bewertet und neben dem offiziellen Text der MTA, unsere eigenen Bemerkungen zu einigen Stationen hinzugefügt.

Aus einer «After Marathon Idee» wurde ein Projekt, welches bezüglich Vorbereitung, Ausführung und Nachbearbeitung selbst ein kleiner Marathon wurde. Ein New York City Subway Art Marathon, der sich in jeder Beziehung gelohnt hat.

Im nächsten ArchitekturCumulus Post werde ich vertiefter auf die 31 besuchten Art & Design Subway Stationen eingehen. In Form von selber geschossenen Fotostrecken und persönlichen Texten wird das impossante Kunst am Bau Werk der MTA erläutert und so versucht sichtbar und fassbar zu machen.

Tipps

Architekturstudium: 5. Semester

Im letzten Studienhalbjahr widmeten wir uns dem Thema Wohnungsbau. Neben dem Entwurfsfach wurde uns in einer Vorlesungsreihe die Geschichte des Wohnens seit der Industrialisierung vermittelt. Die Theorie gab uns die Grundlage und Unterstützung im eigenen Entwurfsprozess. Das Motto für alle Studierenden im Entwurf war «Gretas Home» in Fribourg. Das Experimentieren mit nachhaltigen Bauarten sowie zukunftsorientierten Wohnformen sollte uns für diesen Bereich sensibilisieren und uns Möglichkeiten aufzeigen, wie wir als ArchitektInnen einen Beitrag zum Umweltschutz leisten können.

Der Planungsperimeter wurde uns vorgegeben und befand sich am östlichen Rand der Fribourger Altstadt. Der Bereich wird durch den Fluss Saane vom übrigen historischen Stadtteil abgetrennt. Wir hatten die Freiheit unser Grundstück selber auszusuchen. Die Wohnungsgrösse sowie die Zielgruppe waren den StudentInnen freigestellt.

Das Wohngebäude folgt der «Le Gottéron» und gibt dem Bestand ein Gegenüber.

Der von mir gewählte Bauplatz liegt an der Mündung des Flusses «Le Gottéron» in die Saane. Die unbebaute Fläche in mitten des Quartiers drängte sich mir förmlich auf. Durch die Gegebenheiten des gefassten Flusses und der ansteigenden Strasse ist die Gebäudeform nahezu vorgegeben, was zugleich die Qualität dieser Parzelle ist (siehe Projektpläne). Das lange und schmale Grundstück wird dreistöckig bebaut. Die Dachform ist gekennzeichnet durch drei Firste, welche in der kleingegliederten Umgebung ihren Ursprung finden.

Das öffentliche Tiefparterre wird vom «Place de la Palme» mit dem «Brunnen der Treue» aus erschlossen und beherbergt eine Werkstatt. Diese bietet den Bewohnern und der Nachbarschaft die Möglichkeit Gegenstände, welche sie benötigen, selber zu bauen oder zu reparieren. Dieses Angebot soll identitiätsstiftend für das Quartier sein und die soziale Verknüpfung fördern. Weiterhin soll dies der nötige Impuls sein, dem verschlafenen Gebiet wieder Leben einzuhauchen.

Dem Wohngebäude stehen keine Parkplätze zur Verfügung. Es ist autofrei und mit dem Velo sowie zu Fuss erreichbar. Die beiden Wohngeschosse über dem Sockel bieten Platz für sechs Wohnungen. Diese bestehen aus privaten Schlafzimmern und einer Küche, bewusst ist auf das Wohnzimmer verzichtet. Den Bewohnern der Familien- und Gemeinschaftswohnungen steht ein zentraler Wohnraum im Dachgeschoss zur Verfügung, welcher den Kontakt innerhalb des Gebäudes fördern und die Gemeinschaft stärken soll. Zudem sind in diesem halböffentlichen Bereich Gästezimmer für Besucher vorgesehen.

Ein Fassendausschnitt als Modell um die Tiefenwirkung der verschiedenen Schichten sichtbar zu machen

Um «Gretas Home» nicht nur in der Wohnform, sondern auch in der Bauart zu denken, ist das Gebäude als Holzbau geplant. Aussen wird das Erscheinungsbild durch eine weitgefächerte 5 cm breite vertikale Holzlattung geprägt. Die vertikalen Latten haben einen Abstand von 10 cm zueinander und machen so die horizontale Unterkonstruktion sichtbar. Im Inneren werden rohe Materialien wie Grobspanplatten, Sperrholz und Anhydrit eingesetzt. Aus ökologischen Gründen wird mit Schafwolle gedämmt.

Ich hatte anfänglich Mühe mit der offenen Aufgabestellung zurechtzukommen. Obwohl die Setzung des Gebäudes von Beginn an gut funktionierte, tat ich mich schwer mit dem polygonalen Grundriss. Meinen Anspruch an die Idee der Wohnform mit überzeugender Grundrissstruktur habe ich abschliessend noch nicht erfüllen können. Die Zimmer, die Küche sowie die Erschliessungsflächen in den Wohnungen sind zu gross im Verhältnis zum gemeinsam genutzten Wohnzimmer. Ich sehe den Stand dieses Projektes nicht als fertig sondern als Zwischenstand, den ich gerne noch weiterbearbeitet hätte. Ich schaue auf ein lehrreiches Semester zurück, bei dem ich aus meinen Entscheidungen viele Erkenntnisse mitnehmen kann und freue mich die neuen Entwurfsaufgaben anzugehen.

Tipps:

Gründe für die nachlassende Planqualität in Architekturbüros: ist BIM die Lösung? – Teil III

BIM das neue Zauberwort in der Planung. Wenn man ZeichnerInnen und ArchitektInnen fragt, was BIM ist und wie es angewendet werden soll, bekommt man viele verschiedene Antworten. Ich habe mich im Jahr 2016 in einer dreiteilligen Reihe, auf ArchitekturCumulus, mit BIM auseinandergesetzt:

– BIM: Eine Annäherung – Teil I
– BIM: Zwei Büros und ihre Erfahrungen – Teil II
– BIM: Ein Fazit – Teil III

Weiter ist auch der Post vom 19. April 2017: BIM, aber sofort! lesenswert.

Ende Oktober 2019 habe ich an einer «BIM Live Arena» Veranstaltung in Luzern teilgenommen, welche durch die IDC AG durchgeführt wurde. Die IDC AG vertreibt in der Schweiz das ArchiCAD. Bei dem von mir besuchten Vortrag «BIM-Design mit ArchiCAD / BIM Objekte graphisch erstellen» wurde am Beispiel eines Barhockers gezeigt, wie drei verschiedene 3D-Modelle erstellt werden können, welche jeweils unterschiedlich grosse Datenmengen haben, um so ein BIM-Modell zu optimieren. Das zeigt, dass ein komplexes BIM-Modell immer noch relativ anspruchsvoll bezüglich der grossen Datenmengen ist und derzeit einige Kompromisse nötig sind, um im Alltag mit solchen Modellen zu arbeiten.

Der weitaus spannendere Teil meines Besuches an der «BIM Live Arena» war das Gespräch mit Lukas Desserich, welcher Verwaltungsrats-Präsident der IDC AG ist. Lukas Desserich meinte zu recht, die Planungsqualität von ArchitektInnen, werde immer mangelhafter, wo er, wie ich meine, auch recht hat. Siehe auch die beiden vorhergehenden Posts zum Thema «Gründe für die nachlassende Planqualität in Architekturbüros»:

Die Ausbildung – Teil I
Die ArchitektInnen & ZeichnerInnen – Teil II

Lukas Desserich ist der Meinung, dass mit der BIM-Methode die Planung einfacher, effizienter und am wichtigsten, mit einer höheren Planungsqualität vonstatten gehen könnte, wenn die ArchitektInnen die BIM-Methode nur annehmen würden. Der Verwaltungsrats-Präsident der IDC AG wirkte bei dieser Aussage etwas enttäuscht, dass im Moment nur wenige die BIM-Methode in der Schweiz anwenden.

Warum ist das so? Die drei Buchstaben BIM spalten die Planergemeinschaft oft, da jeder etwas anderes unter diesem Begriff versteht. Ich finde, die BIM-Methode macht momentan im Bereich der Haustechnik Sinn, ab mittel-komplexen Bauvorhaben, welche mindestens eine kontrollierte Raumlüftung haben. Das heisst, von  Seiten Architekt wird ein 3D-Strukturmodell mit allen relevanten Gebäudeteilen erstellt. Anschliessend fügen die Fachplaner ihre Leitungen in das 3D-Modell ein. So kann relativ einfach die ganze Haustechnik koordiniert werden, Fehlplanungen werden frühzeitig durch die Kollisionsprüfung erkannt.

Dass in einem 3D-Modell Fehler einfacher erkannt werden können, liegt auf der Hand. Ich plane in meinem Büro seit 20 Jahren jedes Gebäude im 3D, um unter anderem die Architektur zu prüfen. Das hat sich bestens bewährt und ich könnte mir nicht mehr vorstellen, ohne ein 3D-Modell ein Haus zu entwerfen, da es relativ einfach ist, den Entwurfprozess im 3D zu fi­na­li­sie­ren.

Jedoch bin ich klar der Meinung, dass eine gute Ausführungsplanung mit der Ausbildung beginnt und es später wichtig ist, das erfahrene ArchitektInnen und ZeichnerInnen am «Reisbrett» bleiben. BIM kann ein Hilfsmittel sein, das momentan jedoch noch in den Kinderschuhen steckt, wie man schön am Beispiel des Barhockers erkennen konnte.

Tipp

Gründe für die nachlassende Planqualität in Architekturbüros: die ArchitektInnen & ZeichnerInnen – Teil II

Grundlage einer guten Planqualität ist «die Ausbildung» siehe auch Post vom 4. Dezember 2019. Was passiert nach der Ausbildung? Wer als Architekt aufsteigen will – muss schauen – dass er oder sie möglichst schnell weg vom Zeichnungstisch kommt, das heisst Projektleiter, Baumanager oder Chef wird. ZeichnerInnen oder EntwurfsarchitektInnen stehen in einem Architekturbüro nicht an oberster Position der Lohnskala.

Viele ArchitektInnen im Alter von ca. 35 Jahren wenden sich vom Zeichnen ab und werden beispielsweise ProjektleiterInnen, in einem Alter, in dem genügend Erfahrung da wäre, um erfolgreich in der Planung tätig zu sein. Leider wird das nur selten auch monetär anerkannt, so dass sich viele im besten Alter von der Planung abwenden.

Ein erfahrener Zeichner entwickelt selbstständig, zusammen mit diversen Fachplanern Lösungen, welche folgenden drei Prämissen standhalten sollten: konstruktive Richtigkeit, architektonischer Ausdruck und vernünftiges Kosten & Nutzen Verhältnis. Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe! Um dieser Aufgabe zu genügen, braucht es sicher 10 Jahre Berufserfahrung. Zeit, die sich viele nicht mehr nehmen wollen, weil die Wertschätzung gegenüber dieser Arbeit zu gering ist. Es ist nicht nur die monetäre Wertschätzung, es gibt noch einen anderen Grund, die Zeit: es wird fast immer von oben zu wenig Zeit für eine seriöse Planung eingerechnet. Die HochbauzeicherInnen und ArchitektInnen müssen oft Überstunden leisten, um die Planung in der vorgegebenen Zeit auch nur halbwegs vernünftig erledigen zu können. Das befriedigt auf Dauer nicht und führt oft zu Burn-out Symptomen. Ein Bauleiter, hat im Vergleich auch viel Verantwortung und Zeitdruck, verdient aber bis zu 100 % mehr als ein Planer…

Ein guter Plan ist ein komplexes Zusammenspiel von vielen Informationen, welche auf einen Punkt gebracht werden müssen. Hinter einer schlüssigen Planung steckt immer ein Prozess, dem Zeit und Wissen vorausgesetzt ist.

Wenn ich mir überlege, wer aus unserer Klasse, ich studierte von 1991 bis 1996 am Abendtechnikum der Innerschweiz in Horw-Luzern, noch in der Planung tätig ist, sind das nicht mehr viele. Von den 21 Studierenden, welche 1996 mit dem Diplom abgeschlossen haben, haben 2 bereits kurz nach dem Studium einen Berufswechsel vorgenommen. Weitere 9 Kollegen sind «nur» noch als Chefs tätig, in Architekturbüros, Baumanagementbüros, Generalunternehmungen oder verwandten Berufen. Die restlichen 10 Absolventen des Abendtechnikums sind nur noch sehr beschränkt in der Ausführungsplanung tätig. Ich schätze es sind ungefähr fünf, welche gelegentlich noch selbst Ausführungspläne zeichnen. Ich selber bin 2/3 meiner Zeit als Planer tätig, von der Nutzungsstudie bis zum Ausführungsplan.

«Für mich wurde schnell klar, dass ich nie ein grosses Büro leiten möchte. Es gibt zwei Punkte, die für mich dagegensprechen: Zum einen will ich nicht «nur» Manager sein, denn ich zeichne selber sehr gerne. Zum anderen finde ich, überdurchschnittliche Qualität ist in einem kleinen Team besser erreichbar. Unsere Projekte zeichnen sich durch eine sorgfältige Planung aus. Als Architekt ist es meine Aufgabe, stets einen Schritt weiter zu sein, als es der momentane Projektstand erfordert. Nur so ist es möglich, gut durchdachte Lösungen zu entwickeln. Wenn ich überdurchschnittliche Leistungen von allen Beteiligten erwarte, muss ich selbst auch in der Lage sein, meinen Aufgabenbereich mit einer guten Planung abzudecken.» Auszug aus Intelligentes Bauen Nr. 9 / 2014: Werkschau: Schnieper Architekten

Es sollten mehr ArchitektInnen in meinem Alter (Jg. 1968) als Zeichner arbeiten, um Probleme, welche durch unzureichende Erfahrung in der Planung entstehen, zu verhindern. Ich hatte ein Gespräch mit einem Chef einer grösseren Generalunternehmung, welcher sich überlegt, selber eine Planungsabteilung aufzubauen. Grund dafür ist die zunehmende Frustration der Bauleiter wegen der oftmals mangelhaften Planqualität, welche sie von einigen Architekturbüros liefert bekommen. Um erfahrene ArchitektInnen und ZeichnerInnen zu finden, wäre die erwähnte Generalunternehmung auch bereit, überdurchschnittliche Löhne zu bezahlen und eine Arbeitsplatzsicherheit zu garantieren.

Wir Architekten müssen auch fähig sein eine überzeugende Planung zu gewährleisten. Das bedeutet, dass wir verstehen müssen, was das bezüglich Zeit, Wissen, Erfahrung und auch Technologie (BIM) bedeutet. Das ist nur mit erfahrenen ArchitektInnen und ZeichnerInnen möglich. Eine ungenügende Planqualität kann für den BauherrIn nach der fünfjährigen Garantiezeit meist ganz schnell teuer werden. Daher sollten wir dem BauherrIn auch verständlich machen, dass eine gute Planung: Zeit und Geld kostet.

Gründe für die nachlassende Planqualität in Architekturbüros: die Ausbildung – Teil I

Im letzten Monat hatte ich diverse Gespräche zur mangelhaften Planungsqualität, die viele Architekturbüros abliefern. Ich sprach mit dem Chef eines Baumanagement-Büros, einem Geschäftsleitungsmitglied eines grösseren Generalunternehmers sowie einem CEO eines CAD-Distributors. Die drei Gespräche fanden spontan und unabhängig voneinander statt. Alle drei klagten, dass die Planungsqualität teilweise entscheidend abgenommen habe.

Auch mir fällt das schon länger auf. Ich möchte in meiner dreiteiligen Serie «Gründe für die nachlassende Planqualität in Architekturbüros» in diesem Post auf die Ausbildung von ZeichnerInnen und ArchitektInnen eingehen.

Die Basis für eine solide Planung sollte in den allermeisten Fällen mit einer Lehre als ZeichnerInnen EFZ Fachrichtung Architektur beginnen, auch bekannt unter dem Namen HochbauzeichnerInnen. Leider wollen heute zu viele Jugendliche studieren. Das heisst, dass sie sich direkt nach der gymnasialen Matura oder Mittelschule¹ an einer Universität oder Hochschule einschreiben.

Es ist heute möglich, mit einem Jahr Praktikum in einem Architekturbüro mit dem Bachelor an einer Hochschule zu beginnen und nach drei Jahren mit einem Bachelor of Arts in Architektur abzuschliessen. Anschliessend kann direkt der Master gemacht werden, der nochmals zwei Jahre dauert, um dann im Alter von 25 Jahren einen Masterabschluss in Architektur in der Tasche zu haben – ohne wirkliche Berufserfahrung, und das an einer Hochschule, die für anwendungsorientierte Praxisnähe stehen soll…

Das Problem ist in unserem Schulsystem zu suchen. Heute ist jemand «dumm», wenn er nach der obligatorischen Schulzeit mit 14 Wochen Ferien nicht mindestens eine Mittelschule mit anschliessendem Passerellenlehrgang besucht, um nachher direkten Zugang zu einer universitären Architektur-Ausbildung zu haben, oft ohne akademische Fähigkeiten mitzubringen. Der klassische akademische Weg im Bereich Architektur führt in der Schweiz über die ETH Zürich, EPFL Lausanne oder der Academy of Architecture in Mendrisio. Diese drei Universitäten sollten jenen offen stehen, welche überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten mitbringen, sprich eine Matura haben und zum ersten Drittel in einer heutigen Gymnasiums-Klasse gehören.

Der zweite Weg über die Hochschule im Architekturbereich sollte jungen Fachkräften offen stehen, die eine Lehre als ZeichnerInnen EFZ Fachrichtung Architektur absolviert haben. Wenn jemand nach der Matura ohne Berufslehre den Weg der Architekturausbildung über eine Hochschule wählt, müsste neben dem bereits heute einjährigen Parktikum-Obligatorium zwingend das berufsbegleitende Studium verlangt werden, um sich den praktischen Teil des Berufes anzueignen. Für Quereinsteiger mit Berufsmatura müsste die Regel des berufsbegleitenden Bachelor-Studiums ebenfalls gelten. Bachelor-Studenten mit einer Lehre im Bereich EFZ Fachrichtung Architektur und einer Berufsmatura sollten wählen können zwischen Vollzeitstudium, sechs Semestern und berufsbegleitend oder acht Semestern. An der Hochschule Luzern (HSLU), Abteilung Architektur, waren im Frühlingssemester 2018² von 94 Studierenden 62% mit einer Hochbauzeichnerlehre eingeschrieben. Die restlichen 38% der Studierenden waren QuereinsteigerInnen. Bei den Vollzeitstudierenden hatten 55% eine Hochbauzeichnerlehre absolviert, bei den berufsbegleitenden Studierenden waren es 77%. Wir bilden zusammen mit den Universitätsabgängern heute schätzungsweise ca. 50% ArchitektInnen aus, ohne oder mit nur unzureichender Berufserfahrung. Ein gefährlicher Weg!

Wir sollten der Berufslehre wieder mehr Beachtung schenken und nicht möglichst viele junge Menschen mit einer durchschnittlichen Matura direkt nach der Schule an die Universitäten und Hochschulen schicken, mit der Idee, dass wir so in «taugliche» Bildung investieren. Ich bin der Meinung, dass maximal 10% unserer Schüler nach der Grundschule an ein Gymnasium gehen sollten, um dann nach der Matura einen klassischen akademischen, universitären Bildungsweg einzuschlagen. Die Gefahr einer Nivellierung nach unten an Universitäten ist bereits heute erkennbar. Für die anderen 90% ist eine Berufslehre der sinnvollere Weg. Wir haben in der Schweiz die Möglichkeit, nach der Lehre an einer «Fach»-Hochschule zu studieren, um in einem ersten Schritt die Bachelorreife zu erlangen, welche eine Mischung zwischen praktischem Wissen und Theorie sein sollte. In einem zweiten Schritt können ArchitektInnen, die ein Flair für Theorie und wissenschaftliche Konzepte haben, den Master absolvieren. So hätten wir die Garantie, dass wir in den Architekturbüros genügend Fachkräfte haben, die über das nötige Rüstzeug verfügen, um eine vernünftige Planungsqualität zu gewährleisten.

¹ Abgänger einer Mittelschule (3. Jahre) oder Berufsmatura (1. Jahr), welche an einer Universität studieren wollen, müssen den Passerellenlehrgang (1. Jahr) besuchen.
² HSLU Frühlingssemester 2018, Fach «Realisierung»

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New York Subway: Ein Holzbankklassiker soll ersetzt werden

Eine ikonische Bank in der New York Subway (MTA), über die ich schon lange einen Post machen wollte, soll ersetzt werden. Die Holzbank ist ein Klassiker im Subway-System. Mir gefällt die schlüssige Konstruktion und deren Formensprache sehr.

Die Holzbank erinnert an den Gerrit Rietveld Stuhl aus dem Jahr 1918, der ebenfalls aus einfachen Holzelementen besteht. Der Stuhl hatte durch seine klare Designsprache eine neue Sicht auf Möbel & Architektur eingeläutet.

Die 3.2 Meter lange Bank bietet sechs Personen bequem Platz. Die elegante Sitzgelegenheit besteht aus nur elf einfachen Holzteilen, die mit Holz-Zapfverbindungen fixiert sind. Die Bank ist bequem zum Sitzen und strahlt durch seine Materialität in der oft trostlosen Untergrundwelt eine angenehme Atmosphäre aus. Durch die fünf mittigen Armlehnen hat jede Person eine natürliche und angenehme Distanz zum Nachbarn. Sie sind nicht nur aus Gründen des Komforts angebracht; die Bänke sollten durch die Unterteilung der Sitzfläche das Schlafen in horizontaler Lage verunmöglichen…

Ich habe dieses Jahr überrascht festgestellt, dass die Holzbänke an meiner «Home-Subway-Station» an der 145th Street in Harlem durch Chromstahlbänke ersetzt wurden. Auf Nachfrage teilte man mir mit, dass die Holzbänke diesen Frühling ausgewechselt wurden – aus hygienischen Gründen.

Bronze-Skultur, Tom Otterness ,14th St/8 Av, A/C/E, Uptown Platform (Foto: pat)

Klar ist, dass die Holzbänke bezüglich Hygiene und Pflege in New York nicht optimal sind. Ich habe re­cher­chie­rt und ziemlich gruslige Geschichten bezüglich Sauberkeit und den NY-Subway-Holzbänken gefunden. Neben Lebensmittel-Resten und anderen unbekannte Substanzen sollen sich sogar Bettwanzen in den Bänken eingenistet haben. Die neuen Chromstahl-Bänke (siehe Foto 145th Street) sind bestimmt viel hygienischer und auch einfacher im Unterhalt, bezüglich Atmospäre haben die neuen Bänke jedoch keine Chance. Bei meiner Re­cher­che für diesen Post habe ich festgestellt, dass die Holzbänke, welche nun aus der New York Subway langsam verschwinden sollten, ein emotionales Thema sind. Die MTA verkauft diese nun für $ 650 das Stück! Ich werde keinen kaufen, seit ich weiss, dass die Bänke auch Träger von Bettwanzen sein könnten. Auch habe ich mich diesen September nicht mehr so bedenkenlos auf die Bänke gesetzt…

Ich hoffe sehr, dass die Bank mit der Bronze-Skulptur von Tom Otterness an der 14th Street als Erinnerungstück erhalten bleibt. Soviel ich weiss, können Bettwanzen Bronze nichts anhaben!

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