ArchitekturCumulus

Wienereien

Mit der Planung unserer Architekturreise habe ich im Herbst 2019 gestartet. Ein Jahr später als beabsichtigt fand unser Bürosausflug nach Wien Ende August 2021 endlich statt!

Unser viertägiges Programm startete am Donnerstagmittag im Restaurant Corbaci hinter den barocken Mauern des Museumsquartiers, wo sich einst die kaiserliche Hofstallung befand. Vor 20 Jahren wurde das Museumsquartier umgebaut und erweitert. In den grosszügigen Hof wurden zwei Museumsbauten gesetzt, das MUMOK (Museum für Moderne Kunst) und das Leopold Museum. Mit dem Versuch, die Volumen als Gliederung des Hofraumes zu nutzen, scheint der Aussenraum eher verstellt. Der Inhalt des Leopold Museums, vor allem die umfangreiche Egon Schiele Sammlung, bleibt uns als schönes Erlebnis in Erinnerung.

Architekturneugierige vor der Wiener Staatsoper am Sonntagnachmittag

Als zweites Museumsziel stand die Wiener Secession auf der Liste. Dort konnten wir das Beethovenfries als Raum- und Klangerlebnis erfahren. Der Fries ist zwei Meter hoch und beginnt an der Oberkante des fünf Meter hohen Raumes. Jeder Besucher erhält Kopfhörer, auf denen die neunte Symphonie von Ludwig van Beethoven zu hören ist, ihm ist der Fries gewidmet. Durch die Musik wird es möglich, die restlichen Leute im Raum auszublenden und in das Bild einzutauchen.

Am Abend nach unserem Nachtessen im Gasthaus Pöschl waren wir auf einem Schlummertrunk in der American Bar von Adolf Loos. Der kleine Raum war bereits vollgepackt mit Leuten, doch durch die Raumhöhe und die Spiegel an den Wänden wirkte es nicht bedrückend. Als ich die Möglichkeit hatte, im Loungebereich zu sitzen, konnte ich eine neue Sicht wahrnehmen. Von der Lounge aus wurde die optische Illusion der Spiegel noch wirksamer und vom Gefühl her schien sich der Raum in der Grösse verdoppelt zu haben. Neben der guten Architektur machten wir in der Loosbar auch gute Wiener Bekanntschaften, Eric Leuer, welcher mit seinem ehemaligen Praktikanten und deren Partnerin unterwegs war. Er lud uns und seine Feriengäste in seine Altbauwohnung im Bezirk 1 ein, um uns die klassische Musik bis in die frühen Morgenstunden näher zu bringen.

Am Freitagmorgen hatten wir eine wunderbare Führung in der Domkirche St. Stephan. Der Archivar Franz Zehetner, erklärte uns die wichtigsten Bauetappen und Einflüsse auf den Dombau. Eindrucksvoll war die Besichtigung des Grabs von Kaiser Friedrichs III. Ein Hochgrab, das eine begehbare Balustrade hat, welche wir begehen durften. Erst hier wurde die eindrucksvolle Steinmetzarbeit des Grabdeckels sichtbar – ein Erlebnis, das für den Dombesucher sonst nicht möglich ist und uns bleiben wird.

Am Nachmittag ging es weiter an die nächste Architekturführung mit Herrn Otto Kapfinger, ein Architekt und Autor. Herr Kapfinger ist ein Wittgensteinhaus-Kenner. In seinem Rundgang durch das Haus erklärte er uns die Entstehungsgeschichte, aber vor allem brachte er uns die Logik des Baus näher. Da uns das Haus Wittgenstein so eindrucksvoll geblieben ist, wollen wir dem Haus in näherer Zukunft einen eigenen Blogbeitrag widmen.

Leider hatten wir auch eine Enttäuschung auf dem Programm – die Gasometer. Die ehemaligen Gasbehälter wurden umgenutzt zu einem Einkaufscenter, Wohnungen, Studentenheim und Veranstaltungshalle. Von aussen haben die Gasbehälter ihr charmantes Aussehen überwiegend behalten und das Innenleben wurde neu ausgebaut. Jedoch brachten wir das Innere nicht mit dem äusseren Erscheinungsbild zusammen, die Transformation mochte uns nicht zu überzeugen.

Am Samstagvormittag besuchten wir zwei architektonische Megastrukturen. Der Karl-Marx-Hof ist bis zu siebengeschossig und gilt mit 1050 Meter als längster zusammenhängender Wohnbau der Welt. Seit 1930 ist der kommunale Bau bewohnt. Wir haben ungefähr die Hälfte dieser riesigen «Superblocks» von aussen bei einem Spaziergang begutachtet. Durch kleine Eingriffe an den Balkonen, wie Blumentöpfe, Brüstungserhöhungen und Vorhängen, individualisieren die Bewohner ihr Erscheinungsbild. Heute wirkt der Bau belebt, einladend und scheint gut zu funktionieren.

Anschliessend besuchten wir die Satellitenstadt Alt Erlaa aus den 70er-Jahren. In gewissen Themenbereichen das totale Gegenteil: Der Karl-Marx-Hof schlängelt sich als langer liegender Bau durch die Umgebung. Während der Wohnpark aus sechs Wohntürmen, die zwischen 75 und 85 Meter hoch sind, im Grünen steht. Die ersten 13 Stockwerke der Alt Erlaa Gebäude haben etagenversetzte Terrassen mit grossen Kunststofftrögen als Gartenersatz. Auch besitzt jeder Wohnbau mindestens einen Pool auf dem Dach.

Trotz des Unterschieds der horizontal betonten Bauweise des Karl-Marx-Hofs und Vertikalität des Wohnparks Alt Erlaa, haben beide  Wohnanlagen Gemeinsamkeiten: sie bieten ein Angebot für die Gemeinschaft an. Der Karl-Marx-Hof bot es in Form von Infrastrukturen wie Apotheken, Büchereien und Kindergarten an und die Alt Erlaa Überbauungen hat ein Kaufcenter, Schulen und Kindertagesstätten – jeweils das Angebot, welches dem damaligen Zeitgeist entsprach. Ich würde heute an beiden Orten wohnen wollen, denn beide Orte leben!

Vor unserem genüsslichen Nachtessen im Restaurant Mast, konnten wir in der Bar «Das Loft» den Blick über Wien geniessen. Die Beleuchtung der Bar ist auf zwei Anforderungen abgestimmt, eine angenehme Atmosphäre für die Gäste im Inneren als auch die gute Sichtbarkeit der Lichtdeckeninstallation von Pipilotti Rist, so dass diese zu jeder Tages- und Nachtzeit auch von der Strasse aus erkennbar.

Das J5A Wohnhochhaus vom Architekturbüro Querkraft in der Seestadt Aspern

Unseren letzten Tag starteten wir mit einem hervorragenden Frühstück im «Drechsler». Gestärkt besichtigten wir ein Vorzeigeobjekt, welches gemeinschaftsförderndes Wohnen anbietet und die Wirtschaftsuniversität von Zaha Hadid. Danach folgte die Seestadt Aspern, ein ehemaliges Flugfeld, das heute ein Stadtentwicklungsprojekt in der Entstehungsphase ist. Das zweithöchste Holzhochhaus der Welt, das HoHo, befindet sich dort. Obwohl das ökologische Konzept überzeugen mag, ist der Bau nicht als Holzhochhaus lesbar und architektonisch fragwürdig. Dafür erfreuten wir uns an danebenliegenden J5A Wohnhochhaus, dessen Balkonarme aus der Trapezblechfassade auskragen. Auf unserem Rückweg in die Wiener Innenstadt besichtigten wir die fast 30 Jahre alte Pilotengasse Siedlung von Herzog & de Meuron.

Der Abschluss unseres Wienbesuchs war das Albertina Museum. Zwei Fotoausstellungen konnten besichtigt werden, die erste zeigte Werke des österreichischen Bildjournalisten Franz Hubmann. Dieser konzentrierte sich auf Künstlerporträts und fotografierte bekannte Gesichter wie Alberto Giacometti. Die zweite Ausstellung nannte sich «American Photography» und präsentierte Fotografien amerikanischer Künstler, welche von 1930 bis 2000 aufgenommen wurden. Es war genau das Richtige, um unsere Reise abzuschliessen.

Ich war das erste Mal in Wien. Von dieser Reise bleibt mir die Vielfalt dieser Stadt: ob Josef Hoffmann, der von der Architektur bis zum Glasdesign entwarf, Hans Hollein, der Eingänge von Schmuckgeschäften in der Wiener Innenstadt gestalten durfte, oder Coop Himmelb(l)au, mit ihrem Dachaufbau an der Falkenstrasse, die Stadt hat ein weitgefächertes Spektrum an verschiedenen Epochen und Stilen. In unseren vier Tagen haben wir nur einen Ausschnitt davon gesehen, es wird sicher nicht mein letzter Besuch in Wien sein!

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