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Wann ist ein Haus ein Hochhaus?

22. Januar 2012 von Patrick J. Schnieper  l  Kommentar hinzufügen

Wann ein Gebäude als Hochhaus empfunden wird, ist immer eine Frage des Massstabes und des städtebaulichen Kontextes.

Die St. Patrick’s Cathedral in New York City wirkt von aussen klein, fast wie eine Kapelle, zwischen den Hochhäusern in Midtown Manhattan. Man hat nie das Gefühl, dass diese Kirche hoch ist zwischen den vielen Hochhäusern. Dieses Empfinden ändert sich schlagartig beim Betreten der Kirche. Die dreischiffige neugotische Kirche bietet Platz für 2′400 Menschen, ist 123 Meter lang und 53 Meter breit. Wie kann es sein, dass eine 101 Meter hohe Kirche als nicht gross empfunden wird von aussen? Das nahe gelegene Rockefeller Center ist mehr als doppelt so hoch, und es ist nicht das einzige Gebäude in der näheren Umgebung der Kirche, welches so hoch ist. Für die meisten Betrachter ein ungewohnter Anblick, dass die Kirche das kleinste Gebäude ist, was unser gewohntes Massstabsgefühl irritiert, und unsere Erfahrung sagt, das kann keine Kirche sein… Eventuell ist es eine Kapelle. Selbst eine über hundert Meter hohe Kirche wird nicht als grosses Gebäude wahrgenommen, wenn die umliegenden Häuser deutlich höher sind.

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An der Fifth Avenue in NYC: St. Patrick’s Cathedral und rechts das Luxus-Einkaufshaus Saks.

Umgekehrt wird der ca. 20 Meter hohe Renaissance-Portikus der Basilika Sant’Andrea in Mantua/Italien als überdurchschnittlich hoch wahrgenommen. Warum? Wer schon durch die schmalen Gassen in Mantua spaziert ist und plötzlich auf dem relativ kleinen Platz vor der Kirche steht, kennt das Gefühl; die Eingangsfassade wirkt in ihrer Höhe und Breite gewaltig. Die Fassade sprengt in ihrer Höhe den gewohnten Massstab um das Doppelte. Auch der Platz vor der Basilika, verglichen mit den schmalen Gassen, wirkt gross. Der Platz und die Höhe der Eingangsfassade sind grösser und höher als das durchschnittliche Gebäude in der Altstadt von Mantua, was die Kirche grösser erscheinen lässt, als sie tatsächlich ist.

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Die Basilika Sant’Andrea in Mantua von Leon Battista Alberti.

Ob ein Haus ein Hochhaus ist, lässt sich nicht über Stockwerke oder Meter definieren; es ist eine Frage der Massstäblichkeit eines Ortes, welcher über den grössten gemeinsamen Nenner definiert ist.


«Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder» – Die Veränderung der Landschaft

18. Dezember 2011 von Patrick J. Schnieper  l  Kommentar hinzufügen

Unter dem Titel «Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder» erschien im Jahr 1973 vom Schweizer Künstler Jörg Müller die Bildermappe für Kinder zur Veränderung der Landschaft.

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Die sieben Illustrationen zeigen eine fiktive Landschaft in verschiedenen Jahreszeiten, welche sich in nur 20 Jahren völlig verändert. Die Veränderungen scheinen in den ersten zwei, drei Bildern unbedeutend. Spätestens jedoch das vierte Bild, die Winterlandschaft, führt einem vor Augen, dass die vielen kleinen Veränderungen einen grossen Einfluss auf das Landschaftsbild haben können… Die liebevoll gestalteten Zeichungen, mit vielen kleinen Details ausgestattet, laden den Betrachter ein, genauer hinzuschauen.

Jörg Müller war einer der ersten, der die rasante Veränderung der Landschaft auf eindrückliche Art sichtbar machte, in einer Zeit, wo Kritik am Fortschrittsglauben am Anfang stand.

Im Jahr 1973 war ich 6 Jahre alt; ich kann mich noch sehr gut an diese Bilderserie erinnern. Ich bestaunte die Bilder immer wieder, und schaute mir die kleinen Veränderungen in der Landschaft an. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich das erste mal in meinem Leben bewusst beobachtet und verglichen… Das idyllische Haus erinnerte mich an die Villa Kunterbunt von Pippi Langstrumpf. Ich wuchs in einer Umgebung auf, wo immer gebaut wurde, und war daher fasziniert von der Bauerei. Trotzdem stimmte mich das Bild Nummer sechs traurig, als die Villa Kunterbunt abgerissen wurde…

Für mich sind diese sieben Illustrationen aktueller denn je  –  und sicher ein schönes Weihnachtsgeschenk für Kinder!

Verlag Sauerländer: «Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder»


«Our True Intent Is All For Your Delight»

16. November 2011 von Patrick J. Schnieper  l  1 Kommentar

Der Titel «Our True Intent Is All For Your Delight - Unsere wahre Absicht ist da für Ihr Vergnügen» steht für die englischen Butlin Feriencamps-Postkartenserie der späten 1960er bzw. frühen 1970er Jahre.

Die englische Butlin Holiday Camps Company ermöglichte es englischen Arbeiterklasse-Familien, in England günstige Ferien zu verbringen; in einer (Alp)Traumwelt… voller Oberflächlichkeiten, wo selbst das berüchtigte englische Regenwetter die Stimmung nicht trüben konnte.

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Der Indoor Head Pool des Butlin Monsney Camp  I  Foto: Elmar Ludwig

Der aus Irland stammende Fotograf John Hinde war als Art Director verantwortlich für die Inszenierungen der surrealistischen, üppig farbigen, perfekt inszenierten Postkarten. Zusammen mit den beiden deutschen Fotografen Elmar Ludwig und Edmund Nägele und dem britischen Fotografen David Noble entstanden wunderbar schöne, seltsam anmutende Fotos, welche den Zeitgeist der neuen Arbeiterklasse im England der 1970er Jahre sehr schön dokumentieren.

Die Bilder sind reich an vielen kleinen Details. Es gibt vieles, was entdeckt werden will. Trotz der zahlreichen Details, welche für die Räume, Innenräume und Aussenräume wichtig sind, bleiben die Bilder immer oberflächlich. Die Menschen wirken wie Gegenstände, welche sich bewusst oder unbewusst mit Kitsch flashen. Durch das Spannungsfeld, der künstlich gemütlich gestalteten Räume und den fröhlich gleichgeschalteten Menschen entseht eine starke, surrealistische Atmosphäre.

Die John Hinde Postkartenfoto-Serie ist eine aufschlussreiche Architekturdokumentation; sie zeigt wunderbar den architektonischem Massengeschmack der 1960er Jahre, welcher in den Butlin’s Ferien Camps perfekt befriedigt wurde.

Buchtipp: Our True Intent Is All for Your Delight - The John Hinde Butlin’s Photographs


Die kubistische Evolution der Elan Rennskis

23. Oktober 2011 von Patrick J. Schnieper  l  Kommentar hinzufügen

Die Skisaison wurde dieses Wochenende mit dem Damen und Herren Riesenslalom auf dem Rettenbachgletscher in Sölden gestartet, und somit auch die aktuellen Rennskimodelle «in Action» präsentiert. Letztes Jahr im September habe ich über die Modelle 2010/11, mit einem «red dot» ausgezeichneten Elan Rennskis (Elan Skidesign von Kubismus inspiriert) einen Beitrag geschrieben. Die Erwartung war natürlich gross, was Elan diese Saison präsentiert!

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Oben: Elan Slalomrennski Modell 2011/12 - Unten: letztjähriges Modell

Das aktuelle Ski-Design geht noch einen Schritt weiter bezüglich geometrisierender Abstraktion. Der Elan Schriftzug scheint sich im kubistischen Gesamtwerk, in den Farben Grün und Rot, kombiniert mit Grau, Schwarz und Weiss (Weiss wie der Schnee) aufzulösen.

Ich finde die kubistische Weiterentwicklung der slowenischen Designer «Gigodesign» gelungen, bis auf die etwas zu gross gewordene schwarze Fläche mit dem «richtigen Elan» Schriftzug. Ist der weisse, mittelgrosse Elan-Schriftzug auf schwarzem Grund ein Kompromiss der Marketingabteilung von Elan… damit das kubistische Design den Namen Elan nicht ganz auflöst?


The High Line Park – again and again…

18. Oktober 2011 von Patrick J. Schnieper  l  Kommentar hinzufügen

Wenn ich jeweils im Herbst für drei Wochen in New York City bin, besuche ich ungefähr zwei mal die Woche den vor zwei Jahren eröffnete Park «The High Line», siehe auch Post vom 2. September 2009 - Gelungene Symbiose von Natur und Stadt über den Strassen von Manhatten. Der Park ist seit seiner Eröffnung ein richtiges Besuchermagnet geworden. Was macht den Ort auf Stelzen denn so attraktiv?

Die städtebauliche Perspektive ist einmalig, der Spaziergang auf der 2.3 Kilometer langen Parkanlage, Section I und II, auf über 10 Metern Höhe über den Strassen von Manhattan bietet eine neue und ungewöhnliche Sicht. Man sieht die Auto von oben, und die Häuserfassaden auf der Höhe des zweiten Obergeschosses mit den entsprechenden Einblicken in Büros, Galerien und Wohnungen! Auf dem «The High Line» Park zu flanieren - die Gehwege sind nicht sehr breit, ungefähr 3 Meter, entspricht der Breite der alten Eisenbahn-Trassees - ist vergleichbar mit einer Wanderung auf einem Grat in den Bergen. Links und rechts eine eindrückliche Aussicht auf Berge und Tal (Hochhäuser und Strassen) und Natur (Bepflanzung beidseits vom Gehweg). Der Park wirkt auch wie eine schmale lange Insel, belebt von vielen Menschen und umgeben von viel Luftraum. Ähnlich Manhattan, welches auch schmal und lang ist und ebenfalls dicht besiedelt ist, und links und rechts mit dem Houdson und East River grosse Freiräume hat.

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27. September 2011 - Sitzstufen und Wiese zwischen W22th und W23th Street

Die Lärm-Kulisse von New York City ist drei Stockwerke höher, zwischen Pflanzen und Bäumen, nur noch ein Teppich von Geräuschen: Das Rauschen der Pneus, die heulenden Sirenen, das Sprechen der Menschen und die Lüftungsanlagen auf den Dächern der Häuser, vermischen sich zu einem Meer ähnlichen Rauschen, welches relativ beruhigend wirkt…

Der Sonnenunterhang im September im «The High Line» Park, auf der Höhe zwischen W14th und W15th Street, im Bereich der Holzliegen ist ein Highlight. Die untergehende Sonne glüht mit voller Kraft rechtwinklig auf Manhatten zu, und lässt alle Gebäude, Pflanzen und Menschen in einer rot-orange farbigen Aura erscheinen.

Die surrealistische Welthauptstadt New York hat mit dem Park «The High Line» definitiv eine städtebauliche neue Dimension geschaffen, welche eine neue Perspektive bietet, auf einer der verrücktesten Plätze dieser Erde!


9/11 Memorial - New York

23. September 2011 von Patrick J. Schnieper  l  Kommentar hinzufügen

Ich besuchte das «9/11 Memorial» am letzten Sonntag Morgen und gestern Abend beim Eindunkeln. Wer die Absicht hat, das Denkmal zu besichtigen, sollte unbedingt am Abend gehen. Die Stimmung mit den beleuchteten Becken ist dann um ein vielfaches besser als am Tag!

Die städtebauliche Situation ist atemberaubend… Die beiden Pools (Footprints) bilden einen riesigen Freiraum mitten in Downtown-Manhattan. Beide Wasserfallbecken werden gefasst von unzähligen Hochhäusern, welche diesen Namen auch verdienen. Die vertikale Verdichtung rund um diesen Freiraum gibt diesem Platz speziell am Abend eine besondere Energie. Selbst die bei Tage wenig gelungenen Hochhäuser, wie zum Beispiel das neue halbfertige «One World Trade Center», sieht bei Nacht schön aus… Aus kalten verspiegelten Glasfassaden werden gelblich verpixelte, angenehm anzusehende Hochhäuser, die wie ein Feuerwerk rund um die beiden Memorial-Pools wirken.

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South Memorial Pool  I  Kamera «iPod touch»…

Die landschaftsarchitektonische Idee mit den beiden Wasserfallbecken in dunklem Naturstein, welche die beiden einstürzenden Türme symbolisieren, finde ich sehr gut. Auch das Bronzeband mit den eingestanzten Namen aller 9/11 Opfer, das die beiden Pools vierseitigt abschliesst, ist speziell bei Nacht eindrücklich mit den von hinten beleuchteten Namen. Das Wasser, das von der Parkebene in die etwa 10 Meter tiefer gelegenen Pools stürzt – das Wasser wird oben über einen feinen Rechen in linienförmige einzelne Wasserstrahlen aufgeteilt – erinnert mich abends, wenn der Wasserfall durch die Beleuchtung silbrig erscheint, an die Fassadenstruktur der beiden eingestürzten World Trade Center Zwillingstürme.

Der 9/11 Memorial Park, gestaltet von Landschaftsarchitekt Peter Walker aus Berkeley/San Francisco und dem New Yorker Architekten Michael Arad, ist eine weitere neue landschaftsarchitektonische Attraktion in Manhattan, neben dem vor zwei Jahren eröffneten Park «The High Line».